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Annette Sach
Auf Leben und Tod

ORGANSPENDE Nach den Vorfällen in Göttingen fordern Politik und Ärzteverbände Konsequenzen

Eigentlich hätten die 24 Millionen Versicherten der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) schon in diesem Monat Post von ihrer Krankenkasse bekommen sollen. Darin wollte die Kasse ihren Mitgliedern Informationen zum Thema Organspende und den Vordruck für einen Spenderausweis zuschicken, wie es auch die Änderungen zum Transplantationsgesetz (TPG) vorsehen, das am 1. November in Kraft treten soll. Nach dem Skandal um manipulierte Daten und Regelverstöße bei Transplantationsverfahren in den Universitätskliniken in Göttingen und Regensburg hat die AOK die Versandaktion erst einmal gestoppt. Man müsse die Vorgänge aufklären, brauche mehr Transparenz im Organspenderverfahren und eine strikte Kontrolle, hieß es dazu in der vergangenen Woche vom AOK-Bundesverband.

Das alles möchten auch die Abgeordneten des Bundestages. Am vergangenen Freitag ließen sie sich von Ärzten, Aufsichtsgremien und Vertretern der Länder über die Ereignisse an den beiden Universitätskliniken informieren. Gleichzeitig wurde im Gesundheitsausschuss diskutiert, welche Konsequenzen aus den Vorfällen gezogen werden müssen.

Unter der Lupe

Der Vorsitzende der zuständigen Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer, Professor Hans Lippert, will dazu erst einmal die Transplantationseinrichtungen genau unter die Lupe nehmen: "Alle Zentren werden im Laufe der nächsten Monate überprüft", kündigt er an. Einige von ihnen wurden bereits untersucht - und vor allem bei zwei großen Transplantationszentren habe man bereits "gute Ergebnisse" erzielt, sagte Anne-Gret Rinder, die ebenfalls für das Aufsichtsgremium tätig ist. Hilfreich sei dabei, dass die Zentren jetzt auskunftspflichtig seien und es ein Prüfschema gebe, das "große Gerechtigkeit bei der Beurteilung der Zentren" garantiere, sagte sie.

Mehr-Augen-Prinzip

Interessante Details wusste Rinder auch über die Untersuchungen an der betroffenen Universitätsklinik in Göttingen zu berichten. Dort hatte der beschuldigte Oberarzt zwischen 2008 bis zur Aufdeckung des Skandals Mitte 2012 insgesamt 150 Transplantationen durchgeführt und in 40 Prozent der Fälle Krankenakten manipuliert oder gegen bestehende Richtlinien verstoßen.

Auf diese Weise gelang es ihm, seine Patienten auf die oberen Plätze der Wartelisten zu befördern. Dadurch sollten sie schneller mit einem Spenderorgan versorgt werden. Um genau das zu vertuschen, sorgte der Mediziner dafür, dass alleine er für Transplantationen zuständig war. Und auch in der für Transplantationen vorgesehenen Stabstelle, in der eigentlich das Mehr-Augen-Prinzip herrschen sollte, war er lediglich sich selbst unterstellt. Dabei war der Mediziner bereits einige Jahre zuvor bei seiner Arbeit am Transplantationszentrum der Uniklinik in Regensburg auffällig geworden. Entsprechende Hinweise über Manipulationen von Krankenakten waren 2006 an die Staatsanwaltschaft in Regensburg übermittelt worden. Die hatte das Verfahren jedoch wegen eines mangelnden Anfangsverdachts eingestellt, berichtete Hans Neft, der Vertreter des Landes Bayern.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, zeigte sich verwundert, dass im Jahr 2006 nichts passiert sei: "Hätte man in Regensburg reagiert, hätte es Göttingen nicht gegeben", zeigte sich Montgomery überzeugt. Auch mehrere Abgeordnete wollten wissen, warum nach den Vorfällen in Regensburg nicht genauer hingeschaut worden sei. Anne-Gret Rinder von der Prüfungskommission der Bundesärztekammer warnte davor, beide Fälle miteinander gleichzusetzen. "Das Fehlverhalten in Göttingen ist völlig anderer Natur", sagte sie. Es sei zudem nicht die Aufgabe der Prüfungskommission, einen in Verdacht geratenen Arzt dauerhaft zu beobachten: "Wir müssen die Leute nicht auf ihrem Lebensweg begleiten", verteidigte sie das Verhalten des Gremiums. Um derartige Fälle in Zukunft zu vermeiden, setzt die Kommission der Bundesärztekammer daher auf strukturelle Verbesserungen. Ganz wichtig etwa sei, betonte Rinder, die Schaffung einer interdisziplinären Transplantationskonferenz, bei der Ärzte verschiedenster Fachrichtungen gemeinsam an einem Tisch säßen: "Je mehr Leute sie haben, desto schwerer ist es, Manipulationen vorzunehmen", argumentierte sie. Der Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Professor Wolf Bechstein, lobte, dass den Vertretern des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) und der Länder bei Beratungen in Transplantationsfragen bereits jetzt ein Gaststatus eingeräumt worden sei. Schon bald sollen die Vertreter von Bund und Ländern dort mit einem ständigen Sitz vertreten sein und ein Stimmrecht erhalten.

Kein Organspende-Skandal

Professor Günter Kirste von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war vor allem eines wichtig: "Es handelt sich nicht um einen Skandal der Organspende, sondern im Transplantationsbereich", sagte er. Inwieweit allerdings die Bürger zwischen diesen beiden Bereichen unterscheiden, ist unklar. Bisher ist auch nicht abschätzbar, wie sich die Vorfälle in Göttingen und Regensburg auf die Bereitschaft der Menschen auswirken, einen Spenderausweis aufzufüllen - ein Schritt mit lebenswichtigen Konsequenten. Denn nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) warten jedes Jahr 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. 2011 gab es bundesweit jedoch nur rund 1.200 Organspender in Deutschland. Nach Meinung von Ärzte-Präsident Montgomery zeigen die Vorfälle daher vor allem eines: "Im Kern erleben wir hier die Auswirkungen des dramatischen Mangels an Organen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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