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Dirk Hautkapp
Wendiges Pathos

DER HERAUSFORDERER Mitt Romney ist selbst konservativen Wählern ein Rätsel

Am Ende ergeht es John T. Edwards, Veteran aus dem Korea-Krieg, in Springfield, Washington, so wie Tausenden Wählern, die in diesen Tagen mit eigenen Ohren hören wollen, was Mitt Romney zu sagen hat. "Ich weiß nicht so recht, woran ich bei diesem Mann bin", sagt der 76-Jährige, der in seiner alten Ausgeh-Uniform zum Treffen der "American Legion Posten 176" gekommen ist, um den Präsidentschaftskandidaten der republikanischen Partei live zu erleben. Romney verspricht den 250 Veteranen, die von Präsident Barack Obama "fahrlässig betriebene Schwächung der Streitkräfte" zu korrigieren. 100.000 zusätzliche Soldaten werde er rekrutieren lassen, sagt Romney, und die Zahl der Schiffe der Marine "wird erheblich erhöht". Lautstarker Beifall. Dass seine eigene Partei im Zuge der Haushaltsmisere Amerikas milliardenschwere Kürzungen im Pentagon-Budget abgesegnet hat, weiß Edwards aus der Zeitung. "Warum verliert Romney darüber kein Wort?", fragt der alte Mann den Gast aus Europa.

Die Szene steht beispielhaft für die Ungewissheit, die selbst konservative Wähler bei dem Kandidaten verspüren, der am 6. November Amerikas neuer Präsident werden will. Sein Auftritt in der ersten Fernseh-Debatte am 3. Oktober in Denver hat trotz eines Punktsieges bei den Haltungsnoten kaum Klarheit gebracht. Gibt ein Blick in die Biografie des 65-Jährigen Aufschluss über das, was den Politiker antreibt?

Mitt Romney wird am 12. März 1947 als jüngstes von vier Kindern im elitären Detroiter Vorort Bloomfield Hills geboren. Sein Vater George arbeitet als Manager in der Automobilindustrie. Von 1963 bis 1969 ist er Gouverneur von Michigan. 1968 strebt er nach dem Präsidentenamt, muss sich bei den Vorwahlen der Republikaner aber Richard Nixon geschlagen geben. Bis heute gilt der Vater für Mitt Romney als "uneingeschränktes Vorbild in allen Lebenslagen". Nach dem Studium an den Top-Universitäten Stanford und Harvard und einem Intermezzo als mormonischer Missionar in Süd-Frankreich, macht Romney bei der Unternehmensberatung Boston Consulting erste Erfahrungen in der Finanzwelt. Bei der Investmentgesellschaft Bain Capital steigt er zum Geschäftsführer auf und bringt es durch den An- und Verkauf von Firmen zu einem Privatvermögen von rund 250 Millionen Dollar. In dieser Phase kultiviert Mitt Romney seine politische Standardtaktik: Ein Staat ist am Ende des Tages auch nur ein Unternehmen, in dem schlechte Betriebsteile optimiert gehören - oder ausrangiert. 1999 verlässt er Bain Capital und spielt im Organisationskomitee für die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City Feuerwehr. Die Großveranstaltung steht finanziell auf der Kippe. Romney saniert die Organisation durch drastische Einsparungen, die Spiele im Mormonen-Bundesstaat Utah werden ein Erfolg und zementieren bis heute seinen Ruf als Krisen-Manager.

Die daraus gewonnene Popularität leitet Romney auf das Feld der Politik. 2002 wählt der tendenziell links-liberale Ostküsten-Bundesstaat Massachussetts ihn zum Gouverneur. Eine Gesundheitsreform, die als Blaupause für die heute von Romney heftig kritisierte Initiative von Präsident Obama auf nationalem Parkett gilt ("Obamacare"), ist sein stärkstes Vermächtnis. In Massachussetts sind sie ihm dankbar dafür. Romney selbst distanziert sich bis heute davon, um radikale Parteiflügel bei den Republikanern nicht zu vergrätzen. 2008 versuchte der Vater von fünf Söhnen zu schaffen, was George Romney verwehrt blieb: Unter Einsatz von fast 30 Millionen Dollar seines eigenen Vermögens bewarb sich Romney um die republikanische Präsidentschaftskandidatur. Am Ende machte der Kriegsheld John McCain das Rennen. Für Romney war es die zweite herbe Niederlage. Bereits 1994 unterlag er dem Demokraten Ted Kennedy im Kampf um einen Senatssitz.

Eine dritte Schlappe soll es nicht geben. Unterstützt durch dreistellige Millionen-Finanzspritzen reicher Gönner startete Romney im Frühsommer 2011 eine Wahlkampfmaschine, die sämtliche innerparteilichen Konkurrenten niederwalzte und ihm trotz unverändert großer Vorbehalte in der Partei die Kandidatur bescherte.

Wie bereits vor vier Jahren setzt Romneys Programmatik auf Deregulierung der Wirtschaft, Steuersenkungen von 20 Prozent durch die Bank, also auch für Reiche, Zurückdrängen des Staates, eine von Öl-Importen unabhängige Energieversorgung, massive Bekämpfung der illegalen Einwanderung, höhere Militärausgaben, Abbau des Staatsdefizits und Wiederherstellung "amerikanischer Werte". Wie - das bleibt aber bis heute diffus. Im Vorwahlkampf lehnte Mitt Romney Abtreibungen rigoros ab. Inzwischen will er bei Vergewaltigungen und Lebensgefahr für die Mutter Ausnahmen dulden. Vor vier Jahren bezeichnete er den globalen Klimawandel als menschengemacht. Heute hält er die globale Erderwärmung für eine Saga voreingenommener Forscher. Vor wenigen Monaten rief er Hunderttausende illegal im Land lebende Latinos zur "Selbst-Deportation" auf. Inzwischen will er jungen Einwanderern eine Perspektive bieten. Neben diesen Positionsänderungen, die ihm den Ruf eines "Flip-Floppers" (Wendehals) eingebracht haben, ist seine Steuer- und Finanzpolitik am umstrittensten. Romney wirbt für einen drastischen Abbau der Staatsausgaben, der in Billionenhöhe vor allem den Sozial- und Gesundheitsbereich träfe. Er redet gemeinsam mit seinem Vize-Präsidenten-Kandidaten Paul Ryan an breiter Front Privatisierungen das Wort, ohne jedoch "auch nur in einem Fall präzise durchgerechnete Modelle vorzulegen" (Washington Post). Gleiches gilt für die Ankündigung, seine Politik der Steuersenkungen und staatlichen Deregulierung werde binnen vier Jahren zwölf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze generieren.

Wenig Substanz

Vage bleibt bis heute auch Romneys Außenpolitik. Neben markigen Worten gegen Russland ("größter geopolitischer Feind"), China ("Betrüger im freien Welthandel") und Iran ("akute Gefahr für den Weltfrieden") lässt der Kandidat ritualhaft abfällige Bemerkungen fallen, wenn es um Europa geht. Das jenseits des Atlantiks gepflegte Modell des Wohlfahrtsstaates steht bei Romney unter Sozialismusverdacht. Für seine Kritik hat er die Formel "Europa funktioniert nicht mal in Europa" erfunden.

Romneys Zurückhaltung, wenn es um die Umsetzung seiner Politikziele geht, entspringt nach Ansicht vieler Biografen seinem auf Verschwiegenheit und Abgrenzung angelegten mormonischen Glauben. Ein Eindruck, den Romneys Auftritt bei der ersten Fernsehdebatte in Denver verstärkt hat: Viel Pathos, wenig nachprüfbare Substanz. Vor allem unter Afro-Amerikanern, Frauen und Latinos gelten Romneys Wahlchancen als mäßig. Weiße, männliche und christliche Wähler im Mittleren Westen werden dagegen werden laut Umfragen mehrheitlich für Romney stimmen. Vier Wochen vor der Wahl sieht es trotzdem nicht danach aus, bilanziert ein Kommentator in der New York Times, dass Mitt Romney "seinen Vater unter Karrieregesichtspunkten überholen wird".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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