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Peter Stützle
Wirtschaftsbrücke über den großen Teich

Handels-Beziehungen Die Verbindungen der Wirtschaft sind enger denn je. Ein Freihandelsabkommen könnte mehr Wachstum bringen

Die Vereinigten Staaten waren mal wieder Nummer eins im olympischen Medaillenspiegel. Zwar haben die EU-Staaten in London mehr Gold gewonnen als die USA und China zusammen - aber so zählt keiner. Auch im Welthandel ist die Europäische Union die Stärkste, trotz Schuldenkrise. An ihr Exportvolumen kommen weder die USA noch China heran. Eine Weltmacht aber ist sie nicht. Der US-Dollar ist unangefochten die globale Leitwährung. Zusammen wären die beiden, die sich als transatlantische Wertegemeinschaft verstehen, unschlagbar. Doch ihre Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig.

Weniger Importe aus USA

Täglich überqueren Waren im Wert von 1,7 Milliarden Dollar den Atlantik. Das ist ein Drittel des weltweiten interkontinentalen Handels. Beim Dienstleistungsaustausch liegt der Weltmarktanteil sogar über 40 Prozent. Im Jahr 2011 hat die EU Dienstleistungen im Umfang von 127,1 Milliarden Euro in die USA geliefert und für 130,5 Milliarden Euro von dort erhalten. Unternehmen aus der EU investierten 110,7 Milliarden Euro in den USA, in umgekehrter Richtung waren es 114,8 Milliarden. So ausgewogen ist der Güterverkehr allerdings nicht. Aus der EU wurden Waren für 260,2 Milliarden Euro in die USA geliefert, aber nur für 184,2 Milliarden von dort importiert.

Ein Großteil dieses Ungleichgewichts geht auf das Konto Deutschlands. Es liefert seit Jahren fast doppelt so viel in die USA, wie es von dort erhält. Und seit Jahren fordert Washington, manchmal in rüdem Ton, Berlin solle etwas dagegen tun und die Binnennachfrage stärken. In jüngster Zeit ist dies auch geschehen. Deutschland hatte zuletzt die vierthöchsten Lohnsteigerungen in der EU, die Arbeitslosigkeit ist gesunken, die Sparneigung ebenso. All das hat die Binnennachfrage beflügelt. Gleichzeitig hat aber der gesunkene Euro-Kurs die deutschen und europäischen Ausfuhren befeuert. In der Summe exportierte die EU im Zeitraum Januar bis Mai 2012 zehn Prozent mehr in die USA als im Vorjahreszeitraum. Die Importe aus den USA stiegen auch, aber nur um neun Prozent.

Präsident Barack Obama hat inzwischen die eigentliche Ursache des amerikanischen Außenhandelsdefizits anerkannt und die Stärkung der Industrie als Ziel für eine zweite Amtszeit ausgerufen. Neu ist die Erkenntnis nicht. Schon US-Präsident Ronald Reagan hatte Mitte der 1980er Jahre einen Rat für Wettbewerbsfähigkeit ins Leben gerufen. Geändert hat sich danach aber wenig. Das Bewusstsein eigener Wettbewerbsschwäche könnte der Grund dafür sein, dass die USA bisher wenig Engagement beim Abbau von Handelshemmnissen zeigten, allen Lippenbekenntnissen für freien Welthandel zum Trotz. Im transatlantischen Handel sind heute unterschiedliche Normen und Standards das größte Hemmnis. Die Zölle von durchschnittlich nur noch zwei Prozent sind dagegen kein großes Problem mehr.

Freihandelszone

Um im Freihandel voranzukommen, wurde im Mai 1998 in London eine Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (TEP) ins Leben gerufen. Hauptziel war eine neue Welthandelsrunde der Welthandelsorganisation WTO. Diese kam zwar. Aber nach zehn Jahren ist die Doha-Runde, die eine internationale Entwicklungsagenda erarbeiten will, vor kurzem am Streit zwischen den USA und den Schwellenländern gescheitert. Ansonsten brachte die TEP nur Fortschritte in technischen Detailfragen. Auf Initiative von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) rief der euro-amerikanische Gipfel 2007 in Washington einen Transatlantischen Wirtschaftsrat (TEC) ins Leben. Auch dessen Ergebnisse blieben allerdings enttäuschend.

Als sich das Scheitern der Doha-Runde abzeichnete, verlegten sich Bundesregierung und EU-Kommission auf das Ziel einer transatlantischen Freihandelszone. Bundeskanzlerin Merkel sagte auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum im Januar 2012: "Wir haben das mit Südkorea gemacht, wir arbeiten an einem mit Japan. Und ich glaube, auch im transatlantischen Bereich haben wir noch sehr viele Möglichkeiten, eine Freihandelszone zu schaffen." Die OECD erwartet von einem solchen Freihandelsabkommen einen Wachstumsschub.

Eng verflochten

Die gegenseitigen Probleme und Sticheleien können gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wirtschaften auf beiden Seiten des großen Teichs längst eng verflochten sind. Europäische Unternehmen beschäftigen in den USA mehr Arbeitnehmer als alle anderen Nationalitäten zusammen, umgekehrt ist es ebenso. Die Amerikanische Handelskammer in Deutschland feiert die Gemeinsamkeit jährlich mit einem "Transatlantic Partnership Award". Nach Hasso Plattner 2010 und Bill Gates 2011 geht der Preis in diesem Jahr an einen Sport-Export: den deutschen Basketball-Star Dirk Nowitzki vom NBA-Champion Dallas Mavericks.

Der Autor ist Korrespondent der Deutschen Welle in Berlin.

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