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Verena Renneberg
Die Karten werden neu gemischt

WELTORDNUNG Aufstrebende Volkswirtschaften rund um den Globus gewinnen an Bedeutung - und an Selbstbewusstsein. Europa und die USA müssen sich in einer vielfältiger werdenden Welt behaupten

Wenigstens in den täglichen Nachrichten sieht die Welt aus westlicher Sicht noch vergleichsweise einfach aus. Egal, welches Massenmedium, egal, ob online, im Gedruckten, im Fernsehen oder im Hörfunk: In Sachen Politik und Wirtschaft dominieren noch immer Meldungen aus den USA und Europa. Dabei bekommt die westliche Hemisphäre längst schon Konkurrenz. Die Vorreiter-Staaten anderer bevölkerungsreicher Kontinente treten zunehmend selbstbewusst auf. Kein Wunder, denn ihre Wirtschaft wächst.

BRICS-Staaten

Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bilden die Gruppe der sogenannten BRICS-Staaten. Gemeinsam stellen sie etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung und mehr als 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Die Wirtschaft in den BRICS-Staaten wächst jährlich um bis zehn Prozent - gegenüber zwei Prozent innerhalb der EU.

Das Akronym BRIC, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der erst genannten vier Staaten, geht auf Jim O'Neill zurück, den Chefvolkswirt der Großbank Goldmann Sachs. Er prägte den Begriff 2001, zu Beginn eines mehr als zehn Jahre anhaltenden Investment-Boom in diesen Ländern.

2009 führten Brasilien, Russland, Indien und China dann ihr erstes gemeinsames BRIC-Gipfeltreffen im russischen Jekaterinburg durch. Seither treffen sich die Staaten jährlich: 2010 in Brasilia, 2011 im chinesischen Sanya. In diesem Jahr war Neu-Delhi in Indien Ausrichter des Treffens. Nachdem Südafrika im Dezember vor zwei Jahren eine Einladung zur Gruppe erhielt, gehört es offiziell dazu. Aus den BRIC- wurden die BRICS-Staaten. Im kommenden Jahr wird dann Südafrika Gastgeber des fünften Gipfeltreffens sein.

Stereotype

Trotz wachsender wirtschaftlicher und militärischer Macht findet das Bündnis der BRICS-Staaten im Westen nur selten mediale Aufmerksamkeit. Brasilien wird ebenso wie Indien oft mit Armut und Gewalt in Zusammenhang gebracht, dass beide Länder weltmarktfähige Hochtechnologien exportieren, wird häufig übersehen.

Russland ist da schon präsenter, allerdings vor allem, wenn es um Erdgas oder um Menschenrechtsverletzungen geht. Allein China scheint allgegenwärtig, allerdings nach wie vor vor allem als Lieferant von Gebrauchsgütern, in letzter Zeit aber auch durch seine zunehmende Aufrüstung.

Linksruck

Hat der Westen für China immerhin klare Interpretationsmuster, so scheinen diese für Südamerika zu fehlen. Allein der politische "Linksruck", der allen voran die Staaten Bolivien, Brasilien und Venezuela erfasst hatte, rückte den Kontinent sukzessive ins internationale politische Bewusstsein. Doch selten wird darüber berichtet, dass diese Länder sich auch ein Gegengewicht zu den USA auf dem amerikanischen Kontinent sein wollen.

Die neue wirtschaftliche Dynamik Südamerikas hilft ihnen dabei: Bereits 2004 war dort die jahrelange Rezession mit einem Wirtschaftswachstum von 5,6 Prozent überwunden worden. Der südamerikanische Binnenmarkt Mercosur (übersetzt: "Gemeinsamer Binnenmarkt des Südens") bildet einen Teil des Fundaments des neuen Wachstums. Der internationale Export, unter anderem in die EU, wächst.

Im Wettkampf um Macht und Einfluss vor Europas Haustür, in Afrika, hat Brasilien längst gegenüber dem Westen aufgeholt: Noch in diesem Jahr will es eine Auslandsvertretung in Malawi eröffnen - die somit 37. auf dem Kontinent insgesamt. Das Handelsvolumen zwischen Brasilien und allen Ländern Afrikas ist zwischen 2002 und 2011 von 4,3 auf 27,6 Milliarden US-Dollar angestiegen. Brasilianische Unternehmen investieren vornehmlich in den portugiesisch-sprachigen Ländern, die wie Brasilien selbst einst portugiesische Kolonien waren.

Brasilien hat es nicht auf die Rohstoffe Afrikas abgesehen. Das Land hat angekündigt, seinen eigenen Bedarf an Erdöl bald autark zu decken. Vielmehr ist Brasilien an einem ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat interessiert und hofft dabei auf die Unterstützung der afrikanischen Staaten. Denn bei denen erfreut es sich weitaus größerer Beliebtheit als die früheren Kolonialmächte.

Ob sich die BRICS-Staaten mittel- oder langfristig weltpolitisch etablieren können, ist unklar, mancher hält den Zusammenschluss für ein Zweckbündnis von fünf Ländern mit völlig verschiedenen Interessen. Auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Humboldt-Universität Berlin ist skeptisch, er hält Rede von den BRICS-Staaten lediglich für eine "Hysterie". Entscheidender sei, ob es die EU und die USA gemeinsam schaffen, die Lage in Nordafrika und im Nahen Osten zu stabilisieren und wie sich die USA in einem etwaigen Krieg zwischen China und Japan verhalten würden. Dass dieser kommt, hält Münkler langfristig für nicht ausgeschlossen.

Die kommenden Elf

Goldmann-Sachs-Banker Jim O'Neill hatte übrigens nicht nur die BRIC-Staaten im Blick, sondern weitere aufstrebende Staaten als die "Next Eleven", also die "Nächsten Elf" bezeichnet. Die vier größten Märkte von ihnen sind Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei - die sogenannten MIST-Staaten. Sie sind auch die größten Märkte im Goldman Sachs "Next 11 Equity Fund": Dieser hat in diesem Jahr zwölf Prozent zugelegt, verglichen mit einem Plus von 1,5 Prozent im Goldman-Fonds für die vier BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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