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Christine Mattauch
Jähes Ende einer Wende

ENERGIE Nicht der Umweltschutz, sondern der Wunsch nach Unabhängigkeit vom Erdöl verhalf den erneuerbaren Energien in den USA zum Durchbruch. Durch billiges Erdgas könnte diese neue Ära schneller beendet werden als erwartet

Die Fabrik war ein Vorzeigeprojekt. In Fort Madison (Iowa) produziert Siemens seit 2007 Rotoren für Windräder, ein - wie bis vor kurzem viele glaubten - zukunftsträchtiger Markt. 600 Leute wurden eingestellt, für die strukturschwache Gegend im Mittleren Westen ein Segen. Dann, in diesem September, der Schock. Zwei Drittel der Belegschaft müssen gehen. Der Grund: Auftragsmangel. "Unsicherheit und veränderte Marktbedingungen" hätten die Kunden vertrieben, teilte Siemens mit.

Noch immer haben erneuerbare Energien in den USA nicht den Durchbruch geschafft. Als Obama vor vier Jahren gewählt wurde, hofften viele, der neue Präsident werde ein neues Zeitalter für die Klimapolitik einläuten. Das hat sich nicht erfüllt. "Eine Energiewende im deutschen Sinne gibt es in den USA nicht", sagt Thomas Zielke, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Washington. Wind trug 2011 nach Angaben der US-Energiebehörde EIA nur 1,2 Prozent zum Primärenergieverbrauch bei, der Anteil von Sonne lag noch darunter.

Hauptsache unabhängig

Im "Blueprint for a Secure Energy Future", seinem Entwurf für die Energieversorgung der Zukunft, mit dem Obama im vergangenen Jahr seine energiepolitischen Leitlinien umriss, steht nicht etwa Umweltschutz an erster Stelle, sondern die Unabhängigkeit von ausländischen Öllieferungen. Das könnte eine gute Nachricht für erneuerbare Energien sein, die schließlich im eigenen Land produziert werden. Ihr Anteil wächst auch, wenngleich auf einem niedrigen Niveau. Doch anders als in Berlin genießen sie in Washington keine Sonderstellung: Der Blueprint führt sie summarisch unter anderen heimischen Energieträgern auf, die in den USA als "sauber" gelten: darunter sogar Kohle in Form von "Clean Coal", ein umstrittenes Verfahren, bei dem Kohlendioxid abgespalten und unterirdisch eingelagert wird.

"Vor allem aber ist es billiges Erdgas, das den Aufstieg von Wind und Sonne verhindert", sagt John Sheehan, wissenschaftlicher Direktor am Umweltinstitut der University of Minnesota.

In den USA gibt es riesige Schiefergas-Vorkommen. Sie galten lange Zeit als unzugänglich, lassen sich nun aber mit neuer Technik, dem sogenannten Fracking, ausbeuten. Seit 2009 ist Amerika der größte Erdgasproduzent weltweit. Immer neue Bohrfelder werden erschlossen, vor allem in der Marcellus-Formation, die sich vom nördlichen New York über Pennsylvania und Ohio bis nach Virginia erstreckt. Die Schwemme sorgt für Preisverfall: Eine Million BTU kostet derzeit unter drei Dollar, im Frühjahr sank der Preis sogar erstmals unter zwei Dollar. Das ist nicht kostendeckend. Doch die Gasförderer bohren trotzdem, um für sich Terrain zu sichern. "Es ist wie ein Goldrausch", sagt Sheehan. Die Fördertechnik des Frackings, mit der in 500 Meter Tiefe Gesteinsschichten gesprengt werden, birgt Risiken für die Umwelt. So kann durch den Einsatz von giftigen Chemikalien, die dafür benötigt werden, das Grundwasser verseucht werden. Bisherige Unfälle blieben in ihren Auswirkungen aber lokal und führten nicht zu strengeren Auflagen, die das Bohren teurer machen würden. Nach EIA-Schätzungen wird die jährliche Gasproduktion in Amerika bis zum Jahr 2035 auf 800 Milliarden Kubikmeter steigen, ein Plus von 150 Milliarden. Das billige Schiefergas wird seinen Anteil daran verdoppeln, auf 49 Prozent.

Nicht konkurrenzfähig

Für die erneuerbaren Energien ist das eine schlechte Nachricht, denn angesichts der preiswerten Alternative sinkt die Bereitschaft in Washington, die "Renewables", die erneuerbaren Energien, zu unterstützen. Einspeisevergütungen wie in Deutschland gab es in den Vereinigten Staaten zwar nie, aber dafür großzügige Steuervergünstigungen (Tax Credits) von 30 Prozent. Die Vorteile für Windenergie laufen Ende dieses Jahres aus, und bislang zeigt der Kongress keine Neigung, sie zu verlängern. Das ist der Hauptgrund für den dramatischen Auftragsrückgang bei Siemens. Auch Vestas, Gamesa, Clipper Windpower und DMI Industries legten bereits Kapazitäten still.

Trotzdem gibt es Fortschritte. Und die kommen von den Bundesstaaten. Immerhin 30 von 50 machen ihren Energieversorgern Umweltvorschriften: In Pennsylvania müssen bis 2020 insgesamt 18 Prozent des Stroms aus Öko-Quellen stammen, in Wisconsin bis 2015 insgesamt 10 Prozent. Kalifornien, für sich genommen die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist besonders ehrgeizig: Bis 2020 will der Sonnenstaat ein Drittel seines Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen, insbesondere mittels Photovoltaik. Ohnehin hat die Solarindustrie Glück - ihre Steuererleichterungen laufen noch bis 2016. Im ersten Halbjahr 2012 wurden Anlagen mit 1254 Megawatt installiert, mehr als doppelt so viel wie 2011. Größter inländischer Hersteller von Solarmodulen ist die US-Tochter der Bonner Firma Solarworld, die in Hillsboro (Oregon) produziert. Sie erwartet in diesem Jahr immerhin ein moderates Wachstum, trotz chinesischer Billigkonkurrenz. Die ist aus Sicht von Marketingdirektor Raju Yenamandra das größte Problem: "Wir hoffen, dass die Strafzölle wirken, die die Regierung kürzlich verhängt hat", sagt er.

Freilich hat der Preisdruck aus dem Ausland auch dazu beigetragen, grüne Energien billiger zu machen und am Markt zu etablieren: Die Kosten für Solarmodule seien in den vergangenen vier Jahren um 400 Prozent gesunken, von vier Dollar pro Watt im Jahr 2008 auf einen Dollar, heißt es in Obamas Entwurf.

Neues Kernkraftwerk

Während Deutschland nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima aus der Kernenergie aussteigen wird, stand in den USA eine radikale Wende nicht zur Debatte. Im Februar genehmigte die Regierung ein neues Atomkraftwerk in Burke (Georgia), das erste seit 30 Jahren. "Kernkraft gilt in Amerika als saubere Energie und ist politisch über Parteigrenzen hinweg akzeptiert", so Wirtschaftsexperte Thomas Zielke.

Und Öl? Es bleibt der Energieträger Nummer eins, nur soll es vermehrt im Inland gefördert statt importiert werden, etwa durch das so genannte Offshore-Drilling. Selbst die verheerende Ölpest im Golf von Mexiko nach dem Unfall auf der Plattform Deepwater Horizon führte nicht zum Stopp - in den ersten acht Monaten dieses Jahres genehmigte die Aufsichtsbehörde 105 Bohrvorhaben in der Tiefsee, darunter ein sehr umstrittenes Projekt vor der Küste von Alaska. Shell will dort innerhalb von vier Jahren rund 4,5 Milliarden Dollar investieren. Umweltschützer befürchten nun, dass dies der Anfang einer ganzen Serie von Bohrvorhaben im bisher weitgehend unberührten arktischen Meer ist und Grönlandwale, Eisbären und Walrosse gefährdet.

Viel könnten die Vereinigten Staaten gewinnen durch Energieeffizienz. Aber Sparen fällt schwer. Dank eines mit viel Pomp angekündigten Energiesparprogramms im Rahmen der Konjunkturförderung wurden 350.000 Gebäude isoliert - nicht viel angesichts von über 130 Millionen oftmals schlecht isolierten Wohn- und Bürohäusern. Selbst bei den kürzlich beschlossenen Treibstoffzielen für die Autoindustrie geht es weniger um Ökologie als um Wettbewerbsfähigkeit. Bis also der Klimaschutz als eigenes Ziel salonfähig wird, muss sich noch viel verändern in Amerika.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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