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AUFGEKEHRT
Thomas von Winter
Ein gut gemeinter Rat

Liebe Franzosen, wir Deutsche schätzen alles Französische. Wer etwas auf sich hält, trägt französische Mode. Ein sonntäglicher Brunch ohne Käse und Rotwein aus Frankreich ist undenkbar. Und jedes Jahr reisen wir in Massen nach Frankreich, weil Ihr Paris habt und diese endlosen Strände. Vor allem aber sind wir Bewunderer Eurer Lebensart. Ihr versteht es, mit dem Alltagsstress gelassener umzugehen und denkt nicht ständig an die Arbeit.

Aber bei aller Liebe: In letzter Zeit habt Ihr es mit dem Savoir-vivre etwas übertrieben. 35-Stunden-Woche, Rente mit 62 oder gar 60, steigende Mindestlöhne und die vielen Staatsdiener - so etwas kann sich in Europa keiner mehr leisten. Und Ihr schon gar nicht! Euer hohes Staatsdefizit und die schwächelnde Wirtschaft machen auch uns langsam Sorgen. Wir können Griechenland, Portugal und Spanien aus der Patsche helfen, aber Euch zu retten, das würde uns überfordern. Daher ein gut gemeinter Rat: Schafft ein paar soziale Wohltaten ab, dann kommt Ihr aus der Talsohle heraus und könnt Euch wieder dem guten Leben zuwenden.

Wir sprechen aus Erfahrung. Die rot-grünen Hartz-Reformen haben bei uns seinerzeit helle Empörung ausgelöst. Aber jetzt sprudeln die Steuereinnahmen, und unsere Kanzlerin sonnt sich im vermeintlich eigenen Erfolg. Also nur zu! Nach der Wahl von Hollande zum Präsidenten sind die Bedingungen so günstig wie nie. Sozialdemokraten verstehen sich am besten darauf, soziale Grausamkeiten zu begehen. Sie werden dann zwar abgewählt, aber Euch kann das egal sein. Hauptsache Ihr könnt Euch den Gourmet-Trip ins Elsass wieder leisten. Wir kommen gern dazu und holen dafür sogar unseren alten "2CV" aus der Garage! Herzlich, Euer deutscher Freund

Aus Politik und Zeitgeschichte

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