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Annette Rollmann
Neue Gebote

RELIGION Experten ziehen eine erste positive Bilanz über die neuen theologischen Islam-Studiengänge an Hochschulen

Der wohl berühmteste Satz des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff ist umstritten: Als Wulff 2010 sagte, "der Islam gehört zu Deutschland", hat er damit nicht nur die Gemüter in den christdemokratischen Reihen erregt. Auch in der breiteren Öffentlichkeit wurde er dafür kritisiert - und von anderen sehr gelobt. In Deutschland leben etwa vier Millionen Muslime. Doch inwieweit die nach den evangelischen und katholischen Christen drittgrößte Gruppe, ihre Religion und ihre Kultur zu Deutschland gehören, führt immer wieder zu Kontroversen.

Ein großer Unterschied zur christlichen Religion ist schon darin abzulesen, dass die islamische Theologie lange kein Studienfach in Deutschland war. Das hat sich nun geändert. An fünf Standorten in der Bundesrepublik gibt es seit über einem Jahr die Möglichkeit, sich einzuschreiben. Das Studienfach islamische Studien ist nicht mit den Islamwissenschaften zu verwechseln, die eher soziologisch und kulturell geprägt sind.

Bislang wurde die religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam vielfach Religionswissenschaftlern und christlichen Theologen überlassen. Die Einführung dieses Studienfachs tröste über die Debatte hinweg, "ob der Islam nun ganz, ein wenig oder gar nicht zu Deutschland gehört", sagte Katajun Amirpur von der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg bei einem öffentlichen Fachgespräch des Bildungsausschusses in der vergangenen Woche. Es sei ein Gebot der Gleichberechtigung, dass neben der christlichen und jüdischen nun auch die islamische Theologie in Deutschland gelehrt werde, argumentierte Amirpur. An der Akademie der Weltreligionen wolle man in Zukunft auch den Buddhismus und den Hinduismus lehren und so den dialogorientierten Ansatz weiter ausbauen.

Dünne Personaldecke

Das Fachgespräch über die "Erfahrungen mit der Einrichtung Islamsicher Studien an deutschen Hochschulen" versuchte ein erstes Resümee über die Entwicklung an den verschieden Standorten in Hamburg, Münster/Osnabrück, Tübingen, Frankfurt/Gießen und Erlangen-Nürnberg zu ziehen. Insgesamt begrüßten alle Experten die Einführung des Studienfachs. Allerdings habe es auch Startschwierigkeiten gegeben: zum Beispiel bei der adäquaten Besetzung verschiedender Professorenstellen. Die Personaldecke sei in Deutschland dünn, aber an der Qualität dürfe man keine Abstriche machen, argumentierte Mathias Rohe von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Grundsätzlich sollen mit dem Studiengang aber nicht nur eine religionstheoretische Auseinadersetzung ermöglicht und die islamische Theologie fortentwickelt werden, sondern es sollen an einigen Standorten auch Imame für die Moscheen und vor allem Lehrer für muslimischen Religionsunterricht ausgebildet werden. Für eine flächendeckende Einführung islamischen Religionsunterrichtes in Deutschland werden rund 2.000 Lehrer benötigt.

Integration

Die insgesamt rasante Umsetzung der Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur "Etablierung theologisch orientierter Islamsicher Studien" aus dem Jahr 2010 zeigt, dass die Aufforderung auf offenen Ohren in der Politik und der Wissenschaft selbst stieß. Bei der Eröffnung des Zentrums in Tübingen vor einem Jahr hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) von einem "Meilenstein für die Integration" gesprochen. Das Ziel der Förderung sei die Schaffung einer Islamischen Theologie, die "die Substanz des Glaubens wahrt und die Übersetzung in die Moderne leistet". An dieser Aufforderung manifestiert sich die Hoffnung, dass der Islam in Deutschland seine mitunter fundamentalistische Ausrichtung und Stimme verliert und selbst zur Aufklärung beiträgt.

"Durch das Studium wird es mehr muslimische Intellektuelle in Deutschland geben. Ich habe die Hoffnung, dass sie die lauten Fundamentalisten auf die Stühle verweisen", sagte Anne Schönfeld von der Graduate School Muslim Cultures and Societies an der Freien Universität Berlin. Doch machte Schönfeld gleichzeitig auf das Spannungsfeld aufmerksam, in dem sich das neue Studienfach bewegt und auch bewähren muss. Einerseits solle mit der Hinterfragung und gegebenenfalls sogar Relativierung tradierter Glaubensgrundsätze und -praktiken in Teilen ein theologischer Paradigmenwechsel vollzogen werden. Gleichzeitig solle in den muslimischen Gemeinden eine breite Akzeptanz für diese Reformansätze hergestellt werden. Schönfeld fragte: Kann dieser Spagat überhaupt gelingen? Wo liegt die Grenze zwischen authentischen, das heißt für alle Muslime verbindlichen und veränderbaren Glaubensvorstellungen? Und wie kann angesichts der Vielfalt der islamischer Strömungen und Organisationen in Deutschland überhaupt ein Konsens hinsichtlich der Akzeptanz bestimmter Lehrinhalte hergestellt werden?

An der Universität Osnabrück nimmt man solche Ängste ernst. "Das entscheidende Element ist, dass nicht über den Islam gelehrt und geforscht wird, sondern aus seiner Mitte heraus", sagte Bülent Ucar vom Institut für Islamische Theologie. Deshalb habe man das theologische Profil mit "Innovation in Tradition" beschrieben. Dieser Kurs der "Theologie der Mitte" stoße bei den Studenten auf großes Interesse.

Zweifel ausgeräumt

Enes Erdogan, ein Student an der Universität Osnabrück, der im Berliner Problemviertel Neukölln aufgewachsen ist, illustrierte diesen bestehenden Konflikt durch seine persönliche Geschichte. Am Anfang habe es unter den muslimischen Studenten in Osnabrück große Zweifel gegeben, ob die Auslegung des Islams eine vom deutschen Staat aufoktroyierte sei. Doch diese Zweifel seien schnell ausgeräumt und verflogen. "Die Einführung des Studienfachs habe ich als Antwort auf meine Bittgebete empfunden, da es für mich als Muslim identitätsfördern ist", sagte Enes Erdogan. Er könne sich vorstellen, nach Neukölln zurückzukehren und dort an einer Moscheegemeinde zu arbeiten. Gerade mit der dann gewonnen tiefgreifenden Kenntnis vom Islam könne er überzeugend wirken. Vor dem Ausschuss sagte er: "Ich will Jugendliche von einer schiefen Bahn abbringen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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