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Hans-Jürgen Leersch
Das Börsenkarussell dreht sich zu schnell

FINANZmarkt Fondsverband beklagt unfaire Methoden des Hochfrequenzhandels. Auf dem Parkett Sorge vor Liquiditätsengpass

Zettel mit Kauf- und Verkaufsorders gibt es an den Börsen schon lange nicht mehr. Im elektronischen Handel werden heute algorithmische Handelsprogramme eingesetzt, die Kauf- und Verkaufssignale in sehr kurzen Abständen von teilweise nur einigen Sekundenbruchteilen generieren. Zudem werden erworbene Wertpapiere auch nur kurze Zeit gehalten. Dadurch drohen enorme Risken - von extremen Kursschwankungen bis hin zu einem "Flash Crash", wie etwa der Zusammenbruch der US-Börsen am 6. Mai 2010.

Störungen am Markt

Banken, Investmentgesellschaften und Finanzmarkt-Beobachter begüßten daher in einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses am Mittwoch die Absicht der Bundesregierung, den Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren einzuschränken. Der von der Regierung eingebrachte Entwurf eines Gesetzes zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel (17/11631) sieht eine Reihe von Maßnahmen vor. So sollen Hochfrequenzhändler von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht kontrolliert werden. Im Hochfrequenzhandel tätige Unternehmen müssen in Zukunft sicherstellen, dass ihre Handelssysteme den Markt nicht stören.

"Hochfrequenzhändler verhindern insbesondere im Aktienhandel einen für alle Marktteilnehmer fairen Handel", kritisierte der Fondsverband BVI, der zudem wie schon der Bundesrat in seiner Stellungnahme die Einführung von Mindesthaltefristen für eingestellte Aufträge verlangte. Die Bankenverbände begrüßten die Zielsetzung des Gesetzentwurfs. Zugleich wiesen sie auf bevorstehende europäische Regelungen hin und stellten in ihrer Stellungnahme fest: "Idealerweise wäre ein Gleichlaut beider Regelungsvorhaben anzustreben."

Professor Rudolf Hickel (Universität Bremen) erklärte, der Turbohandel sei nicht die eigentliche Ursache der extrem gewachsenen Krisenanfälligkeit der Finanzmärkte. Im Mittelpunkt würden rein spekulative Finanzmarktprodukte stehen, die Objekte des Hochfrequenzhandels seien. "Allerdings wird durch diesen Turbohandel die Krisenanfälligkeit der Finanzmärkte beschleunigt und vertieft", stellte Hickel fest, der daher "dringenden Handlungsbedarf zur Risikominderung durch Entschleunigung des Hochfrequenzhandels" feststellte. Der Verein weed (Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung) wies Behauptungen zurück, die Liquidität an den Finanzmärkten steige mit der Geschwindigkeit und dem Handelsvolumen parallel an: "Doch hat spätestens die Finanzkrise deutlich gemacht, dass Handelsvolumen mitnichten gleich Liquidität ist."

Genauso wie die Deutsche Börse sah auch die Stuttgarter Börse durch die neue Erlaubnispflicht für Händler nach dem Kreditwesengesetz "die Gefahr des Ausschlusses ausländischer Handelsteilnehmer". Zudem warnte das Deutsche Aktieninstitut vor der Annahme, "kurzfristig orientierte Marktteilnehmer wie Hochfrequenzhändler grundsätzlich als schädlich anzusehen".

Dagegen erklärte Dirk Müller (Finanzethos GmbH): "Ich würde den Hochfrequenzhandel komplett verbieten."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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