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AUFGEKEHRT
Jaqueline Schäfer
Berlin-Mitte hat Strahlkraft

Wenn das Parlament in Berlin ist, wird alles anders. Dann ist Schluss mit dem Raumschiff Bonn! Schluss mit dem ewigen Aufeinanderhocken von Politik, Medien und Lobbyisten. Die Politik, so die oft zu hörende Meinung damals, wäre dann endlich "näher am Menschen" - als ob in Bonn nur Leute vom anderen Stern gelebt hätten.

Mit Bonn ist nun ja seit fast 14 Jahren (so gut wie) Schluss, doch keineswegs mit dem Raumschiff. Denn das ist in Berlin gelandet, genauer gesagt: in Berlin-Mitte.

Die neue Mitte ist das Zentrum des bundespolitischen Betriebes. Wer Polit- und Medienpromis sehen möchte, weiß, in welchen Lokalen er auf sie stößt. Stadtführer bieten Routen auf den Spuren von Lobbyisten an - ideal für Fußkranke, weil "alles so schön nah beieinander liegt".

Der Mitte-Mensch verschmilzt geradezu mit seinem Bezirk, in dem er selten wohnt und der in weiten Teilen geprägt ist von kühler, schnörkelloser Architektur. Man erkennt ihn daran, wie er geht und was er trägt. Der bunten, schlendernden Masse der Touristen setzt er den eiligen Schritt und die wichtige Miene entgegen. Politiker, Berater und Verbandsvertreter sind optisch kaum voneinander zu unterscheiden, sogar Journalisten, die sich früher gerne durch einen unangepassten Look auszeichneten, greifen vermehrt zum dunklen Anzug. Man trifft sich nicht heimlich im Hinterzimmer der Macht, sondern für alle sichtbar im Einstein, im Borchert oder anderen Lokalen in Berlin-Mitte. Mitte hat Strahlkraft. Wie ein Gütesiegel wird der Begriff schon auf Briefköpfen eingesetzt. Das Signal ist klar: Der Absender ist ganz dicht dran, ist ein Teil davon. Ein Teil des Raumschiffs. Aber dieses Wort verschweigt man lieber. Das heißt jetzt Mitte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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