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ORTSTERMIN: KINDER UND JUGENDLICHE IM BUNDESTAG
Sandra Ketterer
Nicht nur für Erwachsene

Die Tür ist verschlossen, doch die Sechstklässler aus Brandenburg stehen trotzdem staunend davor. Denn dahinter könnte die Bundeskanzlerin sitzen. Erst zaghaft, dann immer stärker pochen die 12-Jährigen an die große blaue Tür. Keine Reaktion. "Frau Merkel hat heute offenbar andere Termine", sagt Alexandra Ufnal. Die Besucherführerin des Bundestages vergisst auch nicht, ihren jungen Gästen zu erklären, dass Angela Merkel (CDU) ihren eigentlichen Arbeitsplatz im Bundeskanzleramt hat.

Zum zweiten Mal dieses Jahr war in der vergangenen Woche Kindertag im Bundestag. An insgesamt sechs Tagen im Jahr können Schulklassen oder Gruppen mit Kindern im Alter von fünf bis 14 Jahren sich durch das Gebäude führen lassen, mit einem auf sie abgestimmten Angebot. Schüler ab der zehnten Klasse können außerdem zweimal die Woche mit einem Planspiel den Bundestag kennenlernen und ausprobieren, wie Gesetzgebung abläuft.

Wer keine Gelegenheit hat, das deutsche Parlament zu besuchen, kann sich aber auch im Internet über die Vorgänge im Bundestag, Themen der Tagesordnung oder einfach über die Art, wie Politik gemacht wird, informieren. Für Kinder ist kuppelgucker.de gedacht. Hier laden der Adler Karlchen zusammen mit den Schülern Max und Lisa die Besucher ein, den Sitzungssaal und die Kuppel zu entdecken oder Nachrichten aus dem Bundestag zu hören. Auf mitmischen.de können Jugendliche über aktuellen politische Themen diskutieren, beispielsweise die doppelte Staatsbürgerschaft oder ehrenamtliches Engagement. Mit dem Spiel parlamentsprofi.de können Schüler ihr Wissen testen. In der Rubrik "Parlamännchen", die regelmäßig auf Seite 3 dieser Zeitung erscheint, werden wichtige Begriffe besonders kindgerecht erklärt.

Natürlich bemüht sich der Bundestag nicht nur, Kinder über seine Arbeit zu informieren. Die Abgeordneten setzen sich für die Rechte des Nachwuchses ein. Prominentestes Beispiel ist dafür die Kinderkommission, die seit 1988 die Interessen von Kindern und Jugendlichen vertritt. Aktuell beschäftigen sich die Abgeordneten vor allem mit den Problemen und Bedürfnissen von Kindern psychisch kranker Eltern. Die derzeitige Vorsitzende Beate Walter-Rosenheimer ist klinische Psychologin, daher liege ihr das Thema nah, erklärt sie. "Unser psychiatrisches System denkt Familienangehörige und besonders Kinder schon mehr mit als früher, aber sicher noch nicht in ausreichendem Maß."

In der vergangenen Woche besuchte Beate Walter-Rosenheimer mit Kollegen die Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg (Amsoc). Die Berliner Einrichtung bietet eine vom Jugendamt finanzierte ambulante Hilfe für Familien. 33 festangestellte Mitarbeiter und 80 Ehrenamtliche kümmern sich um die Kinder und ihre Eltern. Bei dem Termin seien vielfältige Probleme angesprochen worden, sagt Walter-Rosenheimer, beispielsweise fehlendes Geld für ein Paten-Projekt. "Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass es noch mehr Aufklärung in der Gesellschaft braucht, damit die Stigmatisierung psychischer Krankheiten abgebaut wird."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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