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Oskar Niedermayer
Die geschrumpfte Basis

Mitgliederentwicklung Die Parteien leiden vor allem am Auszehren der sozialen Milieus. Eine Konsolidierung wäre ein Erfolg

Alle Parteien halten eine solide Mitgliederbasis für unverzichtbar, da die Mitglieder eine Reihe von wichtigen Funktionen erfüllen. Sie sind für Parteien wichtig als Seismographen für die Interessen, Bedürfnisse, Wünsche und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger und sie fungieren als alltägliche Vermittler der Parteipositionen im vorpolitischen Raum. Die Außenwirkungen werden in Wahlkampfzeiten noch wichtiger. Die Mitglieder bilden ein Reservoir von freiwilligen, unbezahlten Helfern, die als Multiplikatoren in die Gesellschaft hinein wirken und durch ihre Präsenz und Arbeit vor Ort zur Übermittlung der Botschaften der Partei beitragen. Innerparteilich sind Mitglieder relevant als Ideengeber bei der Formulierung inhaltlicher Positionen und als personelles Rückgrat der Partei bei der Rekrutierung von innerparteilichen Positionen und Bewerbern für öffentliche Ämter. Als Beitragszahler tragen sie zur Mittelbeschaffung für die Erfüllung der Parteiaufgaben bei, sie stellen der Partei unentgeltlich Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung und schließlich spielen sie bei der Gewinnung neuer Mitglieder eine zentrale Rolle.

Stabile CSU

Über die Zeit hinweg hat sich die Mitgliederbasis der Parteien sehr unterschiedlich entwickelt. Die Hochzeit der Mitgliedergewinnung lag zum einen in den ersten Nachkriegsjahren und zum anderen in der Zeit von Ende der 1960er bis zur Mitte der 1970er Jahre Für die SPD markierte das Jahr 1976 mit über einer Million Mitgliedern den Wendepunkt. Bis Anfang der 1980er Jahre ging ihre Mitgliedschaft zurück, danach stabilisierte sie sich. Bei den anderen Parteien hielten die Mitgliederzuwächse in sehr abgeschwächter Form noch bis in die 1980er Jahre hinein an. Danach gingen die CDU-Zahlen kontinuierlich zurück, die CSU hingegen konnte ihre Mitgliedschaft stabilisieren, während dies der FDP nach einem deutlichen Rückgang erst ab Mitte der 1980er Jahre gelang.

Die 1980 gegründeten Grünen verzeichneten zunächst einen leichten Mitgliederrück-gang und danach einen kontinuierlichen Aufschwung, der jedoch Ende der Achtzigerjahre vorbei war. Die Wiedervereinigung bescherte allen Parteien - mit Ausnahme der auf Bayern begrenzten CSU - Mitgliederzuwächse, allerdings in höchst unterschiedlichem Maße. Während die SPD nur 2,5 Prozent Mitglieder hinzugewann, konnten die CDU und vor allem die FDP durch die Übernahme der Mitglieder der früheren DDR-Blockparteien und einiger neugegründeter Parteien ihre Mitgliedschaft um gut 20 Prozent (CDU) bzw. sogar um 150 Prozent (FDP) steigern. Die westdeutschen Grünen vereinigten sich erst im Jahre 1993 mit ihrem ostdeutschen Pendant, dem mitgliederschwachen Bündnis 90. Die Zuwächse waren jedoch schon bald wieder aufgezehrt und der Abschwung setzte sich fort, wobei der Rückgang vor allem in den ersten Jahren nach der Vereinigung in Ostdeutschland weit dramatischer ausfiel als im Westen. Ende 2012 hatten die SPD 477.037, die CDU 476.347, die CSU 147.965, die Linkspartei 63.761, die Grünen 59.653 und die FDP 58.675 Mitglieder. Gemessen am Stand nach der Vereinigung Ende 1990 ist die Mitgliedschaft bis Ende 2012 bei der CSU um 21 Prozent, der CDU um 40 Prozent, der SPD um 49 Prozent und der FDP um 65 Prozent zurückgegangen. Am schlimmsten traf es die mit der Vereinigung hinzugekommene PDS. Ihre Vorläuferin, die SED der ehemaligen DDR, hatte 1989 noch ca. 2,3 Millionen Mitglieder, die PDS Ende 1990 noch etwa 281.000, von denen sie bis Ende 2006 fast vier Fünftel verlor. Durch die Vereinigung mit der westdeutsch geprägten WASG zur Linkspartei im Jahre 2007 stieg die Gesamtmitgliedschaft wieder etwas an, die Linke hat jedoch Ende 2012 im Vergleich zur PDS 1990 immer noch 77 Prozent weniger Mitglieder. Einzig die Grünen konnten von 1990 bis 2012 einen Mitgliederzuwachs von 44 Prozent erzielen.

Betrachtet man nicht die absoluten Mitgliederzahlen, sondern die Rekrutierungsfähigkeit - also den Anteil der Parteimitglieder an den Parteibeitrittsberechtigten - dann verändern sich die Relationen zwischen den Parteien. Die SPD wurde 2008 von der CDU als mitgliederstärkste Partei abgelöst, 2012 nahm sie diese Stelle knapp wieder ein. In Bezug auf die Fähigkeit zur Mitgliederrekrutierung wurde die SPD allerdings schon 1999 von der CDU überholt, wobei beide Parteien wiederum weit hinter der CSU zurückliegen: In der CSU waren Ende 2011 1,4 Prozent der bayerischen Bevölkerung ab 16 Jahren organisiert, in der CDU 0,8 Prozent der nichtbayerischen Bevölkerung ab diesem Alter und in der SPD 0,7 Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung ab 14 Jahren.

Im Jahre 1980 waren in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt fast vier Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung in einer der fünf Parteien organisiert. Ende 1989 waren es noch 3,6 Prozent, nach der deutschen Vereinigung und dem Hinzukommen der PDS 3,7 Prozent. Ende 2011 gehörten nur noch knapp 1,9 Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung einer der sechs Bundestagsparteien an. Die Rekrutierungsfähigkeit der einzelnen Parteien ist dabei regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bei der CDU, der SPD und den Grünen bilden die fünf ostdeutschen Bundesländer das Schluss-licht, bei der FDP bestehen hingegen keine systematischen Ost-West-Unterschiede, während die Linkspartei immer noch eine ostdeutsche Regionalpartei darstellt, aber auch in ihren ostdeutschen Hochburgen nicht annähernd die Rekrutierungsfähigkeit von CDU, CSU und SPD erreicht.

Anreize für den Beitritt

Die zeitliche Entwicklung von Parteimitgliedschaften ist das Ergebnis der Aggregation individueller Verhaltensweisen der beteiligten Akteure (Beitritts- und Austrittsentscheidungen). Seitens des potenziellen Mitglieds wird ein Parteibeitritt mit einer Reihe positiv bzw. negativ bewerteter Folgen verbunden, die Beitrittsanreize bzw. -hemmnisse bilden. Beitrittsanreize können affektiv (Befriedigung affektiver Bedürfnisse), normativ (Befolgen von Verhaltenserwartungen der Umwelt), wertbezogen (Verwirklichung von Wertorientierungen), politisch (Durchsetzung von politischen Zielen) und materiell (Erringung materieller Vorteile) sein. Beitrittshemmnisse bestehen in Form von Beitrittskosten (hohes Maß an Eigeninitiative bzw. Hindernisse beim Beitritt) und Verbleibekosten (Mitgliedsbeitrag). Beitrittshemmnisse können auch Partizipationskosten (Probleme einer langfristigen Organisationsbindung, zeitintensive, thematisch breite und oft inhaltlich wenig interessante Partizipationserfordernisse, Raum-Zeitgebundenheit innerparteilicher politischer Beteiligung und abschreckende lokale Organisationskultur) sein. Überwiegen die Beitrittsanreize die Beitrittshemmnisse, so ist man prinzipiell dazu motiviert, der Partei beizutreten. Neben dem Eintritt in eine bestimmte Partei gibt es jedoch noch eine Reihe von Handlungsalternativen (Eintritt in eine andere Partei, andere Formen politischer Beteiligung oder unpolitische Freizeitgestaltungsformen). Der tatsächliche Entschluss, einer bestimmten Partei beizutreten, wird daher vom Individuum nur gefasst, wenn die Motivation zum Parteibeitritt größer ist als die mit den verschiedenen Handlungsalternativen verbundenen Motivationen.

Mit diesem Modell kann die Entwicklung der Parteimitgliedschaften über die Zeit hinweg erklärt werden. Als Gründe für den kontinuierlichen Rückgang der Rekrutierungsfähigkeit des gesamten Parteiensystems spätestens seit den Achtzigerjahren lassen sich zunächst allgemeine Prozesse des sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Wandels und deren Auswirkungen auf die Beitrittsanreize anführen.

Den zentralen Faktor bildet hierbei die allgemeine Abnahme sozialer Integration - also die Individualisierung der Gesellschaft - und insbesondere die Erosion der die soziale Basis des deutschen Parteiensystems von Anfang an prägenden sozialen Milieus. Mit der Reduktion des durch das eindimensionale Sozialisationsumfeld der Milieus aufgebauten politischen Konformitätsdrucks und der normativen Gruppenkontrolle, die nicht zuletzt auch über das familiäre Umfeld vermittelt wird, verringert sich ein wesentlicher Teil der normativen Anreize, einer Partei beizutreten.

Durch die Erosion der sozialen Milieus in Deutschland verlieren zudem die diese Milieus in der Vergangenheit stützenden Vorfeldorganisationen (Gewerkschaften, kirchliche Organisationen) als Rekrutierungsfelder für potenzielle Mitglieder zunehmend an Bedeutung. Hinzu kommen Veränderungen der Beitritts- und Partizipationskosten - vor allem das Auseinanderdriften von allgemeinen gesellschaftlichen Partizipationsnormen und -formen und einer anachronistischen Organisationskultur in den lokalen Organisationseinheiten der Parteien, die oft nicht genügend attraktive politische Beteiligungsmöglichkeiten bietet - sowie die Verbreiterung der verfügbaren Handlungsalternativen (Gründung neuer Parteien, Erstarken anderer Beteiligungsformen wie Bürgerinitiativen und neue soziale Bewegungen, Vervielfachung der unpolitischen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten).

Besondere Lage im Osten

Zur Erklärung des dramatischen Mitgliederrückgangs in Ostdeutschland lassen sich zusätzliche Faktoren anführen: Die geringe Größe der traditionellen Kerngruppen, für die normative, wertbezogene und politische Anreize zum SPD- oder CDU-Beitritt zu erwarten sind, der Wegfall der ‚Zwangspolitisierung' durch die starken normativen und materiellen Anreize zum SED- bzw. Blockparteienbeitritt im DDR-System, die Präokkupation der Bürger durch die Folgen des Umwälzungsprozesses und durch die Parteien selbst geschaffene Beitritts- bzw. Bleibehemmnisse (Auseinandersetzungen zwischen "Blockflöten" und "Erneuerern" bei CDU und FDP und ein abschreckender moralischer Rigorismus bei der SPD und den Grünen). Neben diesen allgemeinen Bedingungsfaktoren gibt es natürlich noch eine Vielzahl von parteispezifischen Faktoren, die den allgemeinen Trend bei bestimmten Parteien verschärfen oder auch abmildern. So sorgte zum Beispiel die Agenda 2010 bei der SPD 2003/04 für den stärksten Mitgliederrückgang seit dem Ende der 1940er Jahre, da viele durch wertbezogene Anreize zur SPD gekommene Mitglieder die in ihren Augen nicht mehr für soziale Gerechtigkeit stehende Partei verließen.

Da viele der für den Mitgliederschwund verantwortlichen Faktoren von den Parteien nicht oder nur sehr begrenzt zu beeinflussen sind, erscheint eine deutliche Steigerung der Mitgliederbasis des gesamten Parteiensystems in der Zukunft eher unwahrscheinlich; schon eine Konsolidierung wäre ein Erfolg. Oskar Niedermayer

Der Autor (Jahrgang 1952) ist Professor für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er leitet dort das Otto-Stammer-Zentrum und untersucht seit Jahren systematisch die Entwicklung von Parteien in Deutschland.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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