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Joerg Biallas/Annette Sach
Eine ganz normale Republik

LISE JOLLY Die französische Journalistin über das Modell Deutschland, die Energiewende, Arbeitslose und Currywurst

Frau Jolly, Sie beobachten seit 2010 als Korrespondentin für Radio France die deutsche Politik. Was war für Sie das wichtigste Ereignis in dieser Zeit?

Natürlich stand in den letzten vier Jahren die deutsche Wirtschaft, die momentan erfolgreicher ist als die in Frankreich, im Vordergrund. Wir haben sehr viel über das "deutsche Modell" berichtet, auch wenn ich eher denke, dass es das so nicht gibt. Auch über den Atomausstieg haben wir ausführlich berichtet, allerdings hat es den ja auch schon während der rot-grünen Regierungszeit gegeben. Ansonsten hat sich Frau Merkel vor allem um die Bewältigung der Euro-Krise gekümmert.

Und wie haben Sie das deutsche Krisenmanagement empfunden?

Ich denke, dass Frau Merkel insbesondere bei der Hilfe für Griechenland am Anfang nicht schnell genug reagiert hat, aber dann hat sie die Situation gut gemanagt. Allerdings bin ich als Französin der Meinung, dass Sparen in der Krise allein nicht genügt, sondern man muss der Wirtschaft auch Wachstumsimpulse geben. Die Anfang Juli beschlossenen Hilfen für arbeitslose Jugendliche kommen meiner Meinung nach sehr spät.

Ein weiteres wichtiges Thema war die Energiewende. Inwieweit spielt Deutschland dabei eine Vorreiterrolle und hat sich die Position Frankreichs in Sachen Kernenergie seit dem deutschen Atomausstieg geändert?

Ich denke nicht. Vor den Wahlen in Frankreich 2012 wurde das Thema natürlich stark diskutiert und der damalige sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande hatte angekündigt, das Atomkraftwerk in Fessenheim schließen zu wollen. Das ist bis heute nicht geschehen. Ein Atomausstieg wäre für Frankreich aber ohnehin sehr schwierig, denn davon hängen sehr viele Arbeitsplätze ab. Ganz im Gegensatz zu Deutschland hat das Thema Fukushima in Frankreich keine Rolle gespielt.

Gibt es beim Thema Energiewende einen deutschen "Sonderweg"?

Ich würde die Haltung Deutschlands weniger als Sonderweg bezeichnen, sondern eher von einer Vorreiterrolle sprechen. Ich glaube, dass andere Länder nachziehen werden, wie es schon in Italien oder Schweden der Fall ist. Aber auch in Frankreich gibt es neue Entwicklungen: In der vergangenen Woche hat unser Premierminister Ayrault ein neues Investitionsprogramm in Höhe von 12 Milliarden Euro vorgestellt, bei dem ein Großteil des Geldes auch in umweltfreundliche Projekte und in erneuerbare Energien investiert werden soll.

Was hat Sie in dieser deutschen Wahlperiode besonders erstaunt?

Für mich als Französin war die sogenannte Herdprämie nicht nachvollziehbar, denn es ist für mich geradezu mittelalterlich, dass - zumeist Frauen - Geld bekommen, um ihre Kinder zuhause zu erziehen.

Unsere beiden Nationen haben im Januar 2013 ein wichtiges Ereignis gemeinsam begangen: den 50. Jahrestag des Élysée-Vertrages. Ist er ein Garant für ein gutes Verhältnis beider Länder?

Das Jubiläum fiel in eine etwas schwierige Zeit, weil seinerzeit der Wahlkampf die französische Politik monatelang bestimmt hatte. In solchen Zeiten und auch unmittelbar nach einer Wahl ist es schwierig, das Verhältnis zweier Staaten objektiv zu bewerten. Jetzt ist in Deutschland Wahlkampf. Also warten wir mal ab.

Aber vielleicht lässt sich ja sagen, wie die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2012 das deutsch-französische Verhältnis beeinflusst haben?

Auf offizieller Ebene gibt es nach wie vor ein gutes Miteinander beider Nationen. Es gibt intensive Kontakte zwischen den Ministerien und den Parlamenten beider Länder und es gibt auch eine sehr gute Zusammenarbeit auf der Ebene der Zivilgesellschaft. All das funktioniert nach meiner Wahrnehmung sehr gut.

Und wie sehen die Deutschen nach Ihrer Wahrnehmung die Franzosen?

Grundsätzlich finde ich, dass sich die Deutschen mehr für Frankreich interessieren als umgekehrt. Die Franzosen haben einen Hang dazu, auf sich selbst fixiert zu sein. Die Kontakte zu anderen Nationen werden als nicht so wichtig empfunden, so lange daraus keine handfesten Bedrohungen entstehen. Frankreich weiß zu wenig über Deutschland. Viele glauben, dass es in Deutschland überhaupt keine sozialen Probleme gibt. Themen wie Altersarmut, Hartz IV oder Niedriglöhne kennt bei uns kaum jemand. Und auch die Tatsache, dass die Familienpolitik in Deutschland hinter französischen Standards hinterherhinkt, ist bei uns weitgehend unbekannt. Auch diese Familienpolitik trägt dazu bei, dass die jungen Deutschen keine Kinder mehr wollen, was ich sehr schade finde. Die Familienpolitik ist der Bereich, in dem wir eine Art Vorbild sind. Da es in Deutschland auch langfristig immer weniger Kinder geben wird, muss man hier um junge Menschen aus dem Ausland buhlen.

Sie meinen junge Arbeitslose vor allem aus Südeuropa, denen Deutschland eine Chance bietet?

Ja, das ist doch für die Heimatländer dieser gut ausgebildeten, jungen Menschen ein Problem. Der Staat finanziert ihre Ausbildung, und dann gehen diese mit viel Geld ausgebildeten Menschen ins Ausland und sind womöglich für immer weg.

Na ja, aber damit wird den Menschen doch auch geholfen, eine tragfähige Zukunft aufzubauen?

Trotzdem, ich finde, das muss man auch einmal aus der Perspektive von Ländern wie beispielsweise Spanien oder Frankreich sehen. Und wenn dann schon ein Hilfsprogram aufgelegt wird, muss das rechtzeitig geschehen. Die Anfang Juli diesen Jahres beschlossenen Hilfen für die arbeitslosen Jugendlichen kommen - wie gesagt - meiner Meinung nach schon sehr spät.

Sie haben von 1996 bis 2003 schon einmal als Hauptstadt-Korrespondentin in Deutschland gearbeitet. Worin unterscheiden sich die Berliner und die Bonner Republik?

Gar kein Vergleich: Bonn war doch die reinste Provinz! Die Wiedervereinigung und der Umzug nach Berlin haben eine ganz andere Republik hervorgebracht als die seinerzeit in Bonn. Ich finde, es herrscht heutzutage in Deutschland ein anderes Bewusstsein. Die Bundesrepublik übernimmt im internationalen Bereich mehr Verantwortung, die Bundeswehr ist an vielen Orten auf der Welt im Einsatz. Deutschland ist eben eine ganz normale Republik geworden. Und ich denke, auch in Frankreich wird Deutschland seitdem viel stärker und größer wahrgenommen. Obwohl ich glaube, manchmal auch etwas deutsche Arroganz zu verspüren.

Was vermissen Sie in Deutschland aus ihrer Heimat am meisten?

Nichts.

Wie bitte? Ihnen fehlt nicht einmal das französische Essen?

Nein, hier in Berlin bekomme ich alles, was ich brauche, um französisch zu kochen.

Und was würden Sie aus Deutschland gern mitnehmen nach Frankreich?

Currywurst und Pumpernickel!

Und politisch?

Was mir in Deutschland gut gefällt, ist der Pragmatismus in der Politik. In Frankreich geht es viel dogmatischer zu. Die deutsche Politik ist in der Lage, Kompromisse zu finden, um ein Ergebnis herbeizuführen. Das ist in Frankreich deutlich schwieriger, weil Politik sich viel intensiver an den Parteiprogrammen orientiert.

Das Interview führten Jörg Biallas

und Annette Sach.

Lise Jolly ist seit 2010 Korrespondentin für Radio France in Deutschland und war

bereits von 1996 bis 2003 als

Journalistin in Bonn und Berlin tätig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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