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Thomas Kröter
Langweilig? Wieso langweilig?

WAHLKAMPF Auch wenn sich die Parteien inhaltlich annähern, ist der Wettbewerb trotzdem spannend

Wer in diesen Tagen die Stichwortkombination "Wahlkampf" und "langweilig" in die berühmteste Suchmaschine der Welt eingibt, erzielt mit einem Klick mehr als 159.000 Treffer. Nichts scheint die veröffentlichte(n) Meinung(en) der Republik so zu einen wie der Befund, dass wir es vor der Entscheidung am 22. September mit einer ganz fürchterlich müden und uninteressanten Auseinandersetzung zu tun haben. Abgesehen davon, dass die mediale Sichtweise vor vier Jahren kaum anders war, kommt mir dabei ein kleiner Dialogfetzen aus Bertolt Brechts Theaterstück "Das Leben des Galileo Galilei" in den Sinn. "Unglücklich das Land, das keine Helden hat", lässt der Dichter den jungen Andrea, des Physikers Lieblingsschüler, sagen. Der Meister antwortet: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat".

Heldenmut gefragt

Wem der Vergleich mit der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, auf die das Stück zielt, daneben gegriffen scheint, den mag die "Frankfurter Allgemeine" zum Nachdenken anregen. "Nichts langweilt in diesem Wahlkampf mehr als das Gemecker über diesen angeblich so langweiligen Wahlkampf", hieß es dort kürzlich. Vielleicht helfe "ein Blick nach Nordafrika oder in die Türkei, um unserer Konsenskultur auch ihre positiven Seiten abzugewinnen. Dort geht es um alles, um konkurrierende Lebens- und Gesellschaftsentwürfe, es geht um tief greifende Konflikte, deren Ausgang das Leben von Millionen Menschen auf Jahrzehnte prägen wird. Hier geht es um Nuancen, um einen flächendeckenden oder einen branchenspezifischen Mindestlohn, um eine Autobahn-Maut oder keine Autobahn-Maut." Dort wird Demokraten durchaus noch Heldenmut abverlangt.

Der Autor des Artikels ist ein 30-jähriger Wirtschaftsredakteur. Sicher kein Zufall, dass Johannes Pennekamp, so heißt der junge Mann, einer Generation angehört, die keine eigene Erinnerung mehr an die großen "Wahlschlachten" der alten Bundesrepublik hat. Kaum verwunderlich auch, dass dem auf Sachberichterstattung trainierten Ökonomen die Sehnsucht der politischen Beobachter nach einer ideologisch eingenordeten Debatte mit kämpferisch inszeniertem Empörungstheater abgeht.

Der erste Bundestagswahlkampf, an den ich mich erinnern kann, ist der von 1965. Damals hat der Schriftsteller Hans-Werner Richter ein Buch mit dem Titel "Plädoyer für eine neue Regierung, oder: Keine Alternative" herausgegeben. Den damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) brachte das so in Rage, dass er den Autoren, vornehmlich aus der linksliberalen "Gruppe 47", entgegen rief: "Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an!" Ein gutes Jahrzehnt später nannte CSU-Chef Franz-Josef Strauß Journalisten und Intellektuelle, die ihn (heftigst) kritisierten, "Ratten und Schmeißfliegen". Als CDU-Generalsekretär Heiner Geißler Mitte der 1980er Jahre die Friedensbewegung mit der Behauptung belegte, der Pazifismus der 1930er Jahre habe "Auschwitz erst möglich gemacht", keilte SPD-Chef Willy Brandt zurück: "Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land."

Weniger Grundsätzliches

Ist das die politische "Streitkultur", nach der wir uns zurück sehnen? Derlei unversöhnliche Polemik wäre heute im Wortsinn "aus der Zeit gefallen". Die Gegensätze zwischen den politischen Lagern sind zwar keineswegs verschwunden, aber sie gründen nicht mehr so tief im Grundsätzlichen wie damals. Die "neue Ostpolitik" der sozialliberalen Koalition etwa spaltete den Bundestag. Der Politik der Regierung in der Eurokrise stimmen, bei aller Kritik im Einzelnen, immer wieder (fast) alle Fraktionen des Hohen Hauses zu.

Das "Ende der Ideologien" und die Annäherung der Volksparteien sind in der politischen Wissenschaft und Publizistik schon vor Jahrzehnten prophezeit worden. Heute sind sie Wirklichkeit. Der Satz "Alle demokratischen Parteien können grundsätzlich miteinander koalieren" ist nicht mehr bloß graue Theorie, sondern längst Praxis auf den unterschiedlichen Ebenen unseres föderalen Staatswesens. Wer mit wem "kann" oder nicht, ist so offen, dass es ausdrücklicher Parteibeschlüsse bedarf, um vor der Wahl den Weg zu dieser oder jener Konstellation danach zu verbauen.

Noch etwas kommt hinzu: "Langeweile ist geradezu ein Symbol von Sicherheit", hat Heribert Prantl in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben. Deswegen sei "das Gefühl der Langeweile in gefährlichen Zeiten willkommen". Nicht ganz falsch, diese Beobachtung. Aber so einfach ist das nicht mit den "gefährlichen Zeiten". Denn mit guten Gründen lässt sich argumentieren, dass Deutschland aktuell durchaus ein Hort der Sicherheit sei. Internationale Finanzkrise hin, Eurokrise her - die heimische Wirtschaft hat die Anfechtungen bislang gut überstanden. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tief-, die Zahl der Beschäftigten auf einem Höchststand. Das ökonomische Wachstum hat sich stabilisiert. Die Steuereinnahmen steigen. Selbst in den kriselnden Teilen Europas mehren sich positive Entwicklungen.

Haben wir es also mit einer "trügerischen Langeweile" zu tun - oder mit einer Wirklichkeit, die komplizierterweise nicht so schön sein mag wie die Regierung behauptet, aber eben auch nicht so schlecht ist, wie die Opposition es brauchte, um die sprichtwörtliche "Wechselstimmung" zu erzeugen? "Zwischentöne sind bloß Krampf im Klassenkampf", hat der unlängst gestorbene linke Liedermacher Franz-Josef Degenhardt Ende der 1960-er Jahre gesungen. Das hat schon damals nicht gestimmt. Aber heute leben wir erst recht in einer Welt, in der die Dissonanzen zwischen den politischen Akteuren sich in genau diesen verschiedenen Zwischentönen manifestieren.

Stabile Identität

Wird Politik langweilig, wenn es womöglich eines zweiten Blickes bedarf, um die inhaltlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien samt ihren Protagonisten herauszuarbeiten? Ist es nicht spannend, wenn die eine große Volkspartei der anderen einen Teil ihrer Themen stibitzt? Die gesellschaftlichen Milieus, in denen Parteien wurzeln, lösen sich Zug um Zug auf. Stimmt. Aber allen Überschneidungen zum Trotz bleibt die Identität der Akteure erstaunlich stabil - in Wahlkampfzeiten allemal.

Oder nehmen wir die Grünen. Sie haben sich dafür entschieden, ihren Markenkern "Ökologie" um das Thema "Gerechtigkeit" zu erweitern. Im Wahlkampf versuchen sie das durch die Forderung nach Umverteilung der Einkommen auszudrücken. Welche Wirkung ihre steuerpolitischen Vorstellungen in der Wirklichkeit hätten, ist unter Fachleuten umstritten. Doch um das zu erfahren, bedarf es schon der Lektüre unterschiedlicher Medienerzeugnisse. Wer nur eine Zeitung zur Kenntnis nimmt, erfährt zwischentonlos nur eine bestimmte Interpretation durch dieses oder eben jenes wirtschaftswissenschaftliche Forschungsinstitut. Man will den Leser (und vielleicht auch sich selbst) nicht verwirren. Deshalb wird eine Eindeutigkeit vorgetäuscht, die es so nicht gibt. Die "Faktenchecks", denen die Parteiprogramme in immer mehr Medienprodukten unterzogen werden, reproduzieren häufig nur die Vorurteile der jeweiligen "Checker".

Als "Hochamt der Demokratie" hat jüngst eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung den Wahlkampf bezeichnet. Eine Sternstunde des politischen Journalismus ist er anno 2013 leider nicht. Vielmehr verstärkt er das Gefühl der Langeweile. Im Grunde versucht er sogar, es den Menschen einzureden - statt die Geschehnisse spannend zu erzählen. Gerade diejenigen, die in der Lage wären oder es sein sollten, den Bürgerinnen und Bürgern die Bedeutung der Zwischentöne nahe zu bringen, fliehen in die einfachsten Grundakkorde.

Nein, wir leben nicht in einer Epoche der "Postdemokratie", wie uns manche Publizisten im Anschluss an den französischen Philosophen Jacques Rancière weismachen wollen. Aber wir leben, Gott sei Dank, in einer postheroischen Zeit. Wir brauchen keine Helden, sondern nüchtern ihre Handlungsoptionen abwägende Politiker. Der Teufel, sorry, steckt wirklich im Detail.

Mühe der Politik

Nicht zu leugnen ist allerdings, dass die in der jüngeren Vergangenheit oft beschworene "Politikverdrossenheit" von einer weit verbreiteten "Politikvergessenheit" abgelöst zu werden droht. Die Menschen scharen sich nicht mehr selbstverständlich zur "Tagesschau" vor dem Fernseher. Das hat mit einer überbordenden Unterhaltungswelle zu tun, aber auch damit, das die nationale Politik immer mehr Mühe hat, ihre Souveränität gegenüber den Kräften der Wirtschaft aber auch den internationalen Entscheidungszusammenhängen weit über Europa hinaus zu behaupten. Wie unwichtig wird die Politik? Ein spannendes Thema. Apropos spannend: Das "Kanzlerduell", aber auch die anderen TV-Sendungen zur Wahl haben erstaunlich hohe Einschaltquoten - erstaunlich jedenfalls für den, der diesen Wahlkampf für langweilig erklärt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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