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Philipp Krohn
Zinsen sinken immer schneller

Lebensversicherungen Geschäftsmodell gerät unter Druck. Hohe Renditen sind kaum noch möglich

Wenn die deutschen Versicherungsmathematiker früher ihre Empfehlung für den Höchstrechnungszins abgaben, wurde das branchenintern stark beachtet. Es hatte auch eine verbraucherpolitische Schlagkraft. Meist folgte das Bundesfinanzministerium dem Rat der Deutschen Aktuarvereinigung. Seit Anfang des Jahrtausends bedeutete das in immer häufigeren Schritten und schnellerer Frequenz: Absenkung des Rechnungszinses im Folgejahr. Die Lebensversicherung wurde für neue Kunden vermeintlich unattraktiver. Die Vertriebe strengten sich an, vor Jahresende noch möglichst viele alte Verträge zu verkaufen.

Es wird ernst

Diesmal aber geht es wirklich ans Eingemachte, denn sollte die Regierung wie zumeist dem Rat der Experten folgen, rüttelte das grundsätzlich am Geschäftsmodell. Eine Minderung des Zinses von 1,75 auf 1,25 Prozent würde folgendes bedeuten: Selbst für einen Vertrag mit einer langen Laufzeit von einem Vierteljahrhundert könnten die Versicherer angesichts ihrer Kostenstruktur nur noch eine jährliche Beitragsrendite von durchschnittlich 0,4 Prozent garantieren. Für weniger wettbewerbsfähige, teurere Unternehmen wäre es unmöglich, beispielsweise Riester-Verträge noch ab einem bestimmten Alter anzubieten. Denn sie müssen so konstruiert sein, dass der Kunde zu Beginn der Rentenphase mindestens seine eingezahlten Beiträge wieder ausgezahlt bekommt. Mit ihrer Empfehlung rütteln die Aktuare am Fundament. Unken Verbraucherschützer wie der Bund der Versicherten schon lange, dass diese Form der staatlich geförderten Altersvorsorge ein Auslaufmodell sei, testet nun die Branche selbst ihr Vorzeigeprodukt.

Denn der Höchstrechnungszins funktioniert so: Die Unternehmen müssen ihn als rechnerische Grundlage für ihre Prämienkalkulation verwenden. Bilanziell dürfen sie ihre künftigen Verpflichtungen, die sie gegenüber Kunden eingegangen sind, maximal mit diesem Satz abzinsen. Der heutige Wert (Barwert) der Verpflichtungen wird also umso höher, je niedriger der Rechnungszins veranschlagt ist. Er bestimmt sich nach dem Zehnjahresdurchschnitt europäischer Staatsanleihen mit der höchsten Kreditwürdigkeit (der Stufe "AAA" der Ratingagenturen). Auf diesen wird noch einmal ein Sicherheitspuffer von 40 Prozent angerechnet. Nimmt man nun also 60 (also 100 minus 40) Prozent dieses europäischen Referenzzinses, ergibt sich ein realistisch zu erwirtschaftender sicherer Anlagezins.

Ein Zwiespalt

In diesem Jahr lag der Wert noch weit oberhalb der empfohlenen 1,25 Prozent. Erstmals haben die Versicherungsmathematiker aber den wachsenden Herausforderungen in der Kapitalanlage Rechnung getragen, indem sie auch den Fünfjahresdurchschnitt der Anleiherenditen berücksichtigt haben.

Versicherer und Staat befinden sich in einem Zwiespalt: Einerseits signalisiert der Garantiezins dem Kunden, auf welche sichere Auszahlung er sich verlassen kann. Andererseits beschneiden alle Versprechen die Flexibilität in der Kapitalanlage. Denn je größer der Garantiezins bei einem weiterhin niedrigen Anlagezins ist, desto mehr Kapital ist dafür gebunden, diese Garantie sicher zu erwirtschaften. Das treibt die Unternehmen in Investments mit einer sicheren und stetigen Auszahlung. Sie begeben sich aber der Möglichkeit, höhere Renditen über eine etwas riskantere Geldanlage zu erzielen.

Im vergangenen Jahr waren die deutschen Lebensversicherer durchaus dazu in der Lage, Opportunitäten am Kapitalmarkt zu nutzen. Obwohl die Umlaufrendite von Staatstiteln noch einmal gefallen ist, konnten sie die laufende Verzinsung ihrer Kapitalanlage sogar auf 4,6 Prozent erhöhen. Zum Teil erklärt sich das damit, dass sie durch ihre Ausschüttungspflicht von Bewertungsreserven gezwungen waren, Papiere aus der Vergangenheit mit hohem Zinskupon zu veräußern.

Aktienanlage profitabel

Einige Unternehmen profitierten aber auch bei einer etwas ausgeweiteten Aktienquote von einer guten Börsenentwicklung. Der deutsche Leitindex Dax hat sich im Vorjahr um rund ein Viertel erhöht. Wer wie die Alte Leipziger oder die Stuttgarter Lebensversicherung frühzeitig in Aktien investiert hatte, konnte für seine Kunden attraktive Renditen erwirtschaften. Insgesamt aber liegt die Aktienquote in der Branche bei unter fünf Prozent, weil die Unternehmen nach zwei Börsencrashs binnen sieben Jahren vorsichtig geworden sind.

Die Unternehmen hat ihr gutes Kapitalanlageergebnis jedenfalls in die Lage versetzt, alle ihre Verpflichtungen aus alten Garantien zu erfüllen. Und auf die derzeit gültigen Verträge mit maximal 1,75 Prozent als sicherer Verzinsung kommt durch die höhere Überschussbeteiligung (laufende Verzinsung) noch einmal ein guter Schluck hinzu. Nachdem rund die Hälfte der Branche ihre Überschussverteilung auf die Kunden deklariert hat, zeigt sich ein klares Bild: Mit einem Rückgang von durchschnittlich rund 3,6 Prozent auf unter 3,5 Prozent haben die Versicherer den ungünstigen Bedingungen bei der Anlage in festverzinsliche Wertpapiere Rechnung getragen. Das ist aber bei weitem nicht mehr so komfortabel wie noch vor einigen Jahren. Für den Kunden scheint es eine akzeptable Alternative zu riskanteren Anlageformen wie etwa Genussscheinen zu sein, die jetzt wieder durch die drohende Insolvenz des Windparkplaners Prokon ins Gerede gekommen sind. Bei ihnen winkt zwar eine höhere Rendite, es droht aber auch ein Totalausfall.

Was bringt den Versicherern nun also eine Senkung des Rechnungszinses? Zunächst einmal macht es die Policen teurer und damit unattraktiver. Die Kunden fragen Garantien sehr stark nach. Für den Absatz bedeutete eine Absenkung ein Problem. Gleichzeitig zeigen Versicherer, die trotzdem noch ein gutes Neugeschäft erzielen, wie man von einem geringeren Rechnungszins profitieren kann. Ihnen gelingt es, schneller den durchschnittlichen Garantiezins in ihrem Bestand zu senken. Das verschafft ihnen eine größere Verfügungsgewalt über ihr Kapital. Denn Unternehmen mit einem hohen durchschnittlichen Garantiezins werden relativ gesehen stärker von der sogenannten Zinszusatzreserve belastet, die ihnen die Finanzaufsicht Bafin auferlegt hat. Sie dient dazu sicherzustellen, dass auch Verträge mit Zinsversprechen von 3,5 und vier Prozent aus der Vergangenheit trotz des Niedrigzinses weiter bedient werden können. Diese zusätzlichen Mittel stehen nicht zur direkten Ausschüttung zur Verfügung, und die Unternehmen fallen im Wettbewerb um höhere Überschussbeteiligungen zurück. Rechtlich hätte jedes Unternehmen die Möglichkeit, Garantien festzulegen, die unter dem Höchstrechnungszins liegen. Davon hat in der Vergangenheit aber kein Marktteilnehmer Gebrauch gemacht. Die Versicherer marschieren also weiterhin im Gleichmarsch. Und über die Überschussbeteiligungen trennt sich zunehmend Spreu von Weizen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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