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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Anfang 2010 machte Pater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche öffentlich. Mit einem Abstand von drei Jahren hat der Jesuit jetzt den Bogen weiter gespannt und setzt sich grundsätzlich mit der Vertrauenskrise in der Kirche auseinander. Dabei ist es Pater Mertes ein Anliegen, jene Strukturen aufzuzeigen, die missbräuchliche Machtausübung in der katholischen Kirche erst ermöglichen.

Als ein Beispiel für die vergiftete Atmosphäre nennt er das auf allen Hierarchieebenen geduldete "Petzen". "Eine kleine Schicht von Denunzianten petzt nach oben, die Leitung nimmt die Denunziation an und gibt zugleich den Denunzianten Anonymitätsschutz", schreibt Mertes. Zwar könnte das Petzen durch ein "Machtwort der Autorität unterbunden werden". Wer aber das "Ohr voll von Denunziationen habe, sei schwerhörig für die Geschichten von Opfern", zumal wenn deren Erlebnisse die Kirche nicht so gut dastehen ließen. Als weiteres Zeichen für Machtmissbrauch und Gewalt nennt Mertes die männerbündische Frauenfeindlichkeit in der katholischen Kirche. Eindringlich wirbt der Autor für einen theologischen Mentalitätswechsel in Bezug auf die Stellung der Frau. Kritisch merkt er an: "Wieso Jesus, der so auffällig mit dem Patriarchat brach, dezidiert darauf bestanden haben sollte, dass für die Dauer der Kirchengeschichte nur Männer Nachfolger der Apostel werden, ist nicht nachvollziehbar, zumal er auch Frauen in seine Nachfolge rief."

Immerhin gibt es Hoffnung: Die Kirche hat eine Sprache gefunden, die es allen Beteiligten ermöglicht, offen über das Thema sexuelle Gewalt zu sprechen. Auch in Rom gibt es Ansätze für einen Mentalitätswechsel: Papst Franziskus hat in einem Gefängnis Frauen die Füße gewaschen und 400 Priester in Österreich haben sich zusammengeschlossen, um wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu geben. Wem der "Schatz der Kirche" wichtig ist, dem sei das ehrliche und kluge Buch von Pater Mertes ausdrücklich empfohlen.

Klaus Mertes:

Verlorenes Vertrauen. Katholisch sein in der Krise.

Herder Verlag, Freiburg 2013; 223 S., 19,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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