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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Evgeny Morozov ist erst 29 Jahre alt und gehört doch schon zu den Berühmtheiten des digitalen Zeitalters. Seinen internationalen Ruhm verdankt der gebürtige Weißrusse seinen kritischen Artikeln über die digitale Revolution in der "New York Times" und im "Guardian". In Deutschland hat er eine eigene Kolumne in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in der er scharfsinnige Analysen über die neuen Produkte des Silicon Valley veröffentlicht.

Bemerkenswert ist seine Kritik an den von Internetkonzernen hausgemachten Geschichten über die "Google"-, Facebook"-und "Twitter"-Revolutionen in Ägypten und im Iran. Als Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation in den Staaten der früheren Sowjetunion hatte sich Morozov selbst davon überzeugen können, wie wenig der virtuelle Widerstand gegen die Machthaber in einem realen Überwachungsstaat ausrichten können.

In seinem neuen Buch über die "Smarte neue Welt" ruft der Harvard-Doktorand dazu auf, die Normen und demokratischen Institutionen nicht aufs Spiel zu setzen, um einige wenige Konzerne zufriedenzustellen. Andernfalls stehe das Innovationspotenzial des Internets insgesamt zur Disposition. Morozovs Buch ist allerdings etwas langatmig geraten. An manchen Stellen erinnert sein Werk an die zusammengeschusterte Seminararbeit eines Studenten. Nichtsdestotrotz lohnt die Lektüre, weil Morozov wie kein anderer den Einfluss der "sozialen Medien" auf die Politik hinterfragt. Vor allem kritisiert er die sich modern gebenden Protagonisten einer digitalen Gesellschaft, für die das Netz eine Antwort selbst auf die schwierigsten politischen Herausforderungen bereithält. Die Piratenpartei kommt bei Morozov besonders schlecht weg: Bis auf die "Internetfreiheit" kümmere sie sich kaum um ein anderes Thema und glaube, allein mit Online-Befragungen politische Problemen lösen zu können. Im Gegensatz zur Kaste der Netztechnokraten hält Morozov an dem auf Parteien basierenden Modell der repräsentativen Demokratie fest.

Evgeny Morozov:

Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen.

Blessing Verlag, München 2014; 655 S., 24,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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