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Johanna Metz
Warnung vor zweitem Tschernobyl

UMWELT

Die russischen Atomkraftwerke (AKW) weisen massive Sicherheitslücken auf. Die Qualifikation des Personals sei mangelhaft, das Problem der Lagerung der abgebrannten Brennstäbe ungelöst, und die Normen für die radioaktive Sicherheit würden immer weiter aufgeweicht. Diese Einschätzungen von Vladimir Kuznetsov, Professor der Arkhangelsk Arctic State University, lösten am vergangenen Mittwoch in einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit große Besorgnis unter den Abgeordneten aus. Thema der Anhörung waren die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl am 26. April 1986 und Fukushima am 11. März 2011.

Kuznetsov, der selbst als Hauptingenieur in Tschernobyl gearbeitet hatte, und dort nach dem Unglück am 26. April 1986 als Liquidator tätig war, sagte, die Havarie des AKW habe alle Schwachstellen der Atomenergienutzung in der damaligen Sowjetunion ans Licht gebracht. Diese seien aber auch heute nicht beseitigt. So könne die russische Atomaufsichtsbehörde ihre Kontrollfunktion nicht unabhängig ausüben. Außerdem gebe es für die oft mehr als 40 Jahre alten AKW keine durchgehenden Sicherheitskonzepte, obwohl die alten Reaktoren vom Typ RBMK, zu denen auch Tschernobyl gehörte, "hochgefährlich" seien. Sie dürften nach Ansicht von Kuznetsov nicht weiter genutzt werden. Für eine Stilllegung stelle die russische Regierung aber kein Geld zur Verfügung. Stattdessen fördere sie die Entwicklung von Verfahren, mit denen die Kapazitäten der alten Reaktoren weiter erhöht werden sollen. Kuznetsov warnte: Wenn die alten Reaktoren nicht stillgelegt würden, drohe "eine Wiederholung der Katastrophe von Tschernobyl".

Die Vorsitzende des Umweltausschusses, Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen), sicherte im Namen aller Fraktionen die Hilfe Deutschlands zu. Es müsse jetzt genau überlegt werden, "wie wir Unterstützung leisten können, auch für die Zivilgesellschaft vor Ort", sagte sie.

Im Anschluss an die Ausführungen Kuznetsovs berichtete der frühere Premierminister Japans, Naoto Kan, dem Ausschuss von den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011. Kan, der zum Zeitpunkt der Katastrophe Regierungschef war, betonte, dass seither alle Atomanlagen Japans stillgelegt seien. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix sei massiv gestiegen und die japanische Wirtschaft komme auch ohne Atomkraft gut aus. Die Katatsrophe von Fukushima sei indes noch nicht vorbei, so Kan. Bis heute trete Grundwasser in das Gelände ein, ein Teil des verseuchten Wassers fließe wahrscheinlich ins Meer.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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