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Zeitzeuge
Wir wurden von Untertanen zu Leibeigenen

RAINER EPPELMANN Für den Berliner Theologen bedeutete der Mauerbau das Ende seiner beruflichen Ambitionen. Auch seinen Vater sah er erst Jahre später wieder

Der Bau der Mauer war für mich ein sehr einschneidendes Erlebnis. Bis zum 13. August 1961 war ich, gemeinsam mit meiner Schwester, Schüler eines West-Berliner Gymnasiums. Wir gehörten zu jenen, denen man in der DDR das Abitur verwehrte. Dabei hätten wir als Arbeiterkinder - unser Vater war Zimmermann - eigentlich in die richtige Kategorie der erwünschten Oberschüler gehört. Aber weil unser Vater in West-Berlin arbeitete und damit als "Grenzgewinnler" galt und wir weder Pioniere noch FDJler waren, überdies noch getauft und konfirmiert wurden, wurde uns die Aufnahme verwehrt. So wurde ich Schüler in einer so genannten Ostklasse, in denen junge Menschen wie ich unterrichtet wurden, die man in der DDR nicht zum Abitur zuließ. Und dann, nach dem Abschluss der elften Klasse, war die DDR-Führung wohl der Ansicht, ich hätte genug gelernt und kappte mir jede berufliche Perspektive.

Unvorstellbare Situation

Ich habe diesen Tag mitten in den Sommerferien bei einer Rüste, also einer kirchlichen Freizeit der evangelischen Kirche, auf Schloss Mansfeld im Südharz verbracht. Als ich morgens beim Zähneputzen im Waschraum aus dem Radio hörte, dass man eine Mauer gebaut hatte, dachte ich noch, die ganze Angelegenheit werde sich in ein oder zwei Tagen erledigen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Zustand lange andauern würde. Als zwei Wochen später der erste Mensch an der Mauer erschossen wurde, da wurde mir klar: Die meinen das ernst, das ist kein Spaß.

Wir DDR-Bürger sind spätestens seit dem 17. Juni 1953 Untertanen gewesen. Als zehnjähriger Junge habe ich damals gesehen, wie sowjetische Panzer auf unbewaffnete Menschen zurollten, die nichts Verbotenes taten. Damals wurden wir zu Untertanen gemacht, mit dem Mauerbau dann zu Leibeigenen.

Meine Familie bekam das sehr deutlich zu spüren. Mein Vater konnte durch den Mauerbau ja nicht zurück in den Osten. Meine Mutter blieb mit vier Kindern zurück und musste sich als Schneiderin durchschlagen. Was ich mir anfangs nicht vorstellen konnte, passierte: Ich habe meinen Vater erst Jahre später wiedergesehen. Meine Mutter konnte Ende der 1960er-Jahre mit meinen kleinen Geschwistern ausreisen und zu ihm ziehen. Ich blieb in der DDR, der Liebe wegen: Ich hatte die Frau gefunden, mit der ich alt zu werden hoffte.

Der Mauerbau hat all meine beruflichen Ambitionen mit einem Schlag zerstört. Ich hatte geplant, nach dem Abitur Architektur zu studieren. Aber nach dem 13. August war klar: Die Zeit der Schule war vorbei. Es war klar, dass man es in der DDR nicht belohnen würde, dass ich drei Jahre auf einem West-Berliner Gymnasium gelernt hatte. Den Schülern, denen es genauso wie mir ergangen war, vermittelte man in den folgenden Tagen und Wochen irgendeine Arbeit. So habe ich dann ein Jahr als Dachdecker-Hilfsarbeiter gearbeitet. Für einen 18-Jährigen, der bislang nur über den Büchern gesessen hatte, war das ein Knochenjob: Auf einmal jeden Tag Dachziegel vom Parterre in den fünften Stock zu schleppen, war nichts, auf das ich vorbereitet gewesen wäre. Das durchzustehen, war eine große Herausforderung. Von 1962 bis 1965 machte ich dann eine Maurerlehre und konnte schließlich sogar ein Bauingenieurs-Studium beginnen. Weil ich es aber ablehnte, Kader des DDR-Sozialismus zu werden, bekam ich Ärger - und brach das Studium ab. Dass ich nach dem Einzug zur Armee auch den Dienst an der Waffe und das Gelöbnis der Bausoldaten verweigerte, brachte mir eine Verurteilung zu acht Monaten Haft ein.

Als einzige Möglichkeit, studieren zu können, sich dabei aber nicht verbiegen zu müssen, blieb schließlich ein Theologiestudium. Das konnte ich ohne Abitur an einer von zwei kirchlichen Fachschulen machen, die die DDR für Fälle wie mich eingerichtet hatte. 1970 konnte ich damit beginnen, ab 1975 habe ich dann als Pfarrer gearbeitet.

Ohne Gewalt

So gravierend der Mauerbau sich auf meinen ganz persönlichen Lebensweg ausgewirkt hat, so befreiend habe ich den 9. November 1989 empfunden. Nach Günter Schabowskis Pressekonferenz bin ich zur Staatsgrenze der DDR gefahren, um mich vom Wahrheitsgehalt seiner Worte zu überzeugen. Als ich mit einigen Dutzend Ost-Berlinern am Grenzübergang Bornholmer Straße angekommen bin, war die Grenze noch geschlossen, doch immer mehr Menschen kamen und wollten rüber. Der Kommandeur hatte die Waffen seiner Mannschaft glücklicherweise eingeschlossen, die Grenzer konnten nicht verhindern, dass wir den Schlagbaum schließlich öffneten. Es war die erste Öffnung in der Berliner Mauer, und sie hatte sich ganz ohne Gewalt aufgetan. Dies war ein wichtiges Signal für alle anderen Grenzübergänge, die Sperren ebenfalls friedlich zu öffnen.

Die Bedeutung des 9. November 1989 ist seither immer wieder treffend beschrieben worden. Es war der weithin sichtbare Anfang vom Ende der Diktatur in der DDR. Ich war froh und dankbar, dass ich nicht nur den Mauerbau am 13. August 1961 miterleben musste, sondern auch das Ende der Teilung unmittelbar miterleben konnte. Auch mein eigenes Leben änderte sich von diesem Tag an schlagartig: Als ehemaliger Militärdienstverweigerer und Akteur der Friedlichen Revolution wurde ich Minister im zweiten Kabinett von Hans Modrow, Abgeordneter der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR und schließlich Minister für Abrüstung und Verteidigung im Kabinett de Maizière. In diesem Amt habe ich den Austritt der DDR aus dem Warschauer Vertrag unterzeichnet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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