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Gerhard Gnauck
Rücken an Rücken

Unser Verhältnis zu Polen soll so sein wie jenes zu Frankreich" - oft hat man das in Sonntagsreden gehört. Gut gemeint - aber realistisch? Zweifel sind erlaubt. Die Gräben der Geschichte sind nach Osten hin tiefer: Die Hauptstadt Warschau hat nach 1939 durch Krieg, Terror und Holocaust etwa so viele Einwohner verloren wie das Land Frankreich. Damit umzugehen wäre leichter, wenn Deutschland mit Polen eine lange Tradition gegenseitiger Wertschätzung verbunden hätte. Oder wenn beide Partner wirtschaftlich und politisch heute annähernd gleichgewichtig wären. Beides ist nicht der Fall.

Nun hat man, als die große Finanz- und Schuldenkrise begann, viel von "hanseatischen Tugenden" geredet, davon, dass die solide wirtschaftenden Polen und andere Nordeuropäer den Deutschen näher stünden als etwa die Griechen. Aber dann nahm die Krise ihren Lauf, und man hörte nichts mehr davon. Statt dessen wurde nach Polens EU-Beitritt deutlich, wie sehr beide Länder Rücken an Rücken leben: Berlin baute trotz polnischer Warnungen die Ostsee-Pipeline - Warschau setzt auf Flüssiggas, Schiefergas und Kohle; Berlin schaffte, ohne seine Nachbarn zu konsultieren, seine Kernkraftwerke ab - in Warschau sind die ersten zwei gerade in Planung. Und der Beitritt zur Euro-Zone? Polen wartet ab, wie es mit dem Euro weitergeht.

Es gibt Politikfelder ohne Konflikte. Aber daneben bleibt es eine Tatsache, dass die Gesellschaften und die Intellektuellen in beiden Ländern sehr unterschiedlich "ticken". Neuestes Beispiel: die Russland-Ukraine-Krise. Sie hat in Deutschland eine neue Debatte ausgelöst, ob die Deutschen wirklich zum "Westen" gehören und gehören wollen. Ich kenne viele Polen, denen bei solchen deutschen Tönen angst und bange wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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