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POLEN UND DEUTSCHLAND ALS MOTOR EUROPAS?
Christoph von Marschall
Verlässliche Partner

Über Jahrzehnte galt es als selbstverständlich, dass Europa nur vorankommt, wenn Deutschland und Frankreich gemeinsam daran arbeiten. Nach dem Ende der Ost-West-Spaltung ist es nur folgerichtig, diesen strategischen Ansatz auf Deutschlands wichtigsten Nachbarn im Osten zu übertragen. Annähernd die Hälfte der 28 EU-Mitglieder liegen in Mittelost- und Südosteuropa. Polen ist der mit Abstand größte Staat und die bedeutendste Wirtschaftsmacht unter ihnen. Ihm kommt eine natürliche Führungsrolle zu - nicht in dem Sinne, dass es die kleineren Staaten dominiert, sondern dass es ihre Wünsche und Sichtweisen aufnimmt und in Konsultationen mit EU-Schwergewichten im Westen mit vertritt.

In Ministerpräsident Donald Tusk und Staatspräsident Bronislaw Komorowski hat Deutschland verlässliche Partner. Das war nicht immer so. Nach dem EU-Beitritt hatte Polen einige Jahre gebraucht, um in diese Rolle hineinzuwachsen. Als die nationalkonservative Koalition unter den Kaczynski-Zwillingen regierte, hatten selbst Polen-Freunde mitunter den Eindruck, Polen wolle Europa nicht mitgestalten, sondern nur in Brüssel dabei sein, um unerwünschte Entwicklungen zu verhindern.

Polen bringt Kompetenzen und Erfahrungen mit, die westlichen Ländern fehlen, aber unverzichtbar sind, um Europa zu gestalten: zum Beispiel seine Kenntnisse der Ukraine, Weißrusslands und Russlands. Und die historischen Lehren aus seiner schicksalhaften Lage zwischen zwei Schwergewichten wie Russland und Deutschland, die in guten Zeiten Prosperität eröffnete, in schlechten zur existenziellen Bedrohung führte. Der deutsch-polnische Motor gehört heute ebenso unverzichtbar zu Europa wie der deutsch-französische.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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