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Peter Stützle
Der Polen-Experte: Dietmar Nietan

Die Versöhnung "mit den Völkern, denen wir in der Nazizeit unendliches Leid angetan haben", sei ihm immer wichtig gewesen, sagt Dietmar Nietan aus Düren. Als er dann 1998 für die SPD in den Deutschen Bundestag kam, habe ihm sein aus dem ostpreußischen Allenstein stammender Großvater gesagt: "Wir haben unsere Heimat nicht verloren wegen der Roten Armee, nicht wegen der Polen, sondern wegen der Faschisten, die ihre Nachbarn überfallen haben. Nun musst du, Junge, dich für die deutsch-polnische Versöhnung einsetzen." Heute ist der 50-jährige Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Im Bundestag gehört Nietan dem Auswärtigen Ausschuss an und als stellvertretendes Mitglied dem Europa-Ausschuss.

An den Polen imponiert Nietan, dass sie "immer, in jeder Situation, einen Sinn für die Freiheit haben". Während der Nazi-Besatzung hätten sie unter Lebensgefahr Untergrundschulen und -universitäten betrieben. Im Warschauer Aufstand 1944, der sich gerade jährte, hätten sie für die Freiheit ihr Leben eingesetzt. Auch in der Zeit der kommunistischen Diktatur habe "man sich immer wieder trotzig Freiheitsräume erkämpft". Und wie Polen es danach "wie kaum ein anderer der ehemals kommunistischen Staaten geschafft hat, aus der wirtschaftlichen Misere herauszukommen", hängt für Nietan auch mit diesem Freiheitswillen zusammen. Dass die Polen sehr patriotisch sind, hält der Sozialdemokrat für "völlig normal". In einem Land, "das drei mal geteilt wurde, das so zwischendurch als Staat von der Landkarte verschwunden war", würde es ihn "eher wundern, wenn es nicht so ist". Skeptischen Deutschen empfiehlt er "zu gucken: Was ist Patriotismus, was ist dumpfer Nationalismus. Und da kann ich sagen, die allermeisten Polen sind Patrioten und eben keine Nationalisten."

Angesichts der Ukraine-Krise, aber auch schon vorher während des Georgien-Krieges, gab es zwischen Berlin und Warschau Unstimmigkeiten über den Umgang mit Russland. Für Nietan hängt das mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen zusammen. Er erlebe aber in Polen kein "Anti-Russentum, weil die Polen einfach die Russen nicht leiden könnten oder per se vor der russischen Nation Ängste hätten". Vielmehr seien die Polen "besonders sensibel, frühzeitig zu erkennen, wo die Freiheit in Gefahr ist". Diese Sensibilität hätten manche Deutsche "so ein bisschen verloren".

Dass es in Polen aufgrund der Geschichte auch ein latentes Misstrauen gegenüber Deutschland gebe, will Nietan so pauschal nicht stehen lassen. Zwar glaube die polnische Rechte, "politische Geschäfte machen zu können", indem sie "wider besseres Wissens" behaupte, die Deutschen würden "am Ende wieder mit den Russen einen Sonderweg über die Köpfe der Polen hinweg suchen". Sein Eindruck aber sei, dass "die Mehrheit der Polen und insbesondere auch die Mehrheit der politischen Eliten sich sicher ist, dass sie sich auf Deutschland verlassen können, das ihr verlässlichster und wichtigster Partner in Europa Deutschland ist" - trotz der Meinungsverschiedenheiten "in Nuancen, nicht im Grundsatz" über das Vorgehen gegen Russland.

Dem Wunsch Polens wie auch der baltischen Staaten nach Stationierung von Nato-Truppen im eigenen Land steht Nietan offen gegenüber. Wenn ein Nato-Mitgliedsstaat das wünsche, um sein Sicherheitsbedürfnis zu erfüllen, "dann muss man das ernst nehmen". Die Grundsatzdebatten in Deutschland, ob man das machen solle oder nicht, "greifen zu kurz". Man müsse allerdings "gut überlegen, welche Art von Truppen in welchem Umfang stationiert werden sollten, damit dies von russischer Seite nicht als Auftaktsignal zu einem neuen Aufrüstungs- oder Stationierungs-Wettlauf an unseren Grenzen aufgefasst wird". Er glaube, Polen gehe es mehr um die Vergewisserung, dass die Nato im Zweifelsfalle an ihrer Seite steht. "Hier geht es nicht um Aufrüstung oder Säbelrasseln."

Nietans Eindruck ist, dass sich seit den Anfängen unter Willy Brandt die deutsch-polnische Versöhnung in eine wirkliche deutsch-polnische Freundschaft umgewandelt hat. "Eine Erfolgsgeschichte, und die am dankbarsten dafür sein müssen, sind wir Deutschen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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