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BERUFLICHE BILDUNG
Claudia Heine
Startrampe statt Resterampe

Trotz positiver Bilanz gibt es Defizite im Ausbildungsbereich

Der deutschen Wirtschaft geht es gut und damit das so bleibt, braucht sie gut qualifiziertes Fachpersonal. Die Bundestagsdebatte über Anträge der Koalitionsfraktionen, der Linken und von Bündnis 90/Die Grünen zur Stärkung der beruflichen Bildung am vergangenen Donnerstag zeigte jedoch: Aus Sicht der Bildungspolitiker liegt hier einiges im Argen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die berufliche Bildung zur Reste-rampe der Bildungsrepublik Deutschland wird“, warnte Thomas Feist (CDU). Und Rosemarie Hein (Die Linke) rechnete vor: „Über zehn Prozent der 18- bis 24-Jährigen befindet sich nicht in Ausbildung.“

Auch wenn die Gesamtbilanz gerade im internationalen Vergleich positiv ausfällt, wird über eine große Baustelle schon länger diskutiert. Das ist die Schwierigkeit vieler Betriebe, geeignete Auszubildende zu finden. Zum einen ist die Attraktivität einer akademischen Ausbildung für Schulabgänger so hoch wie noch nie. Auf der anderen Seite steigt die Zahl derer, die aufgrund eines fehlenden Schulabschlusses den Übergang in den Beruf nicht schaffen.

Höhere Durchlässigkeit Union und SPD plädieren in ihrem Antrag (18/1451), den der Bundestag mit den Stimmen der Koalition annahm, für eine höhere Durchlässigkeit des Bildungssystems und wollen eine Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung erreichen. Die Linke fordert in ihrem Antrag (18/1454) unter anderem, das Recht aller auf eine Ausbildung umzusetzen und die Berufsberatung grundlegend zu reformieren. Bündnis 90/Die Grünen machen sich in ihrem Antrag (18/1456) unter anderem dafür stark, die betriebliche Ausbildung konjunkturunabhängiger zu gestalten und das Kooperationsverbot in der Bildung aufzuheben.

Assistierte Ausbildung Mit ihrer Forderung stießen die Grünen bei der Koalition auf taube Ohren. So stellte Thomas Feist in der Debatte klar, dass die Länder nicht aus ihrer Pflicht entlasten werden könnten, ihren Beitrag zur Berufs- und Studienorientierung zu leisten. Junge Leute sollten nicht erst über den Umweg eines angebrochenen Studiums den Weg in die Berufsausbildung zu finden. Das sei weder volkswirtschaftlich noch für die Betroffenen sinnvoll, mahnte er. Andererseits müsse man das Modell der „assistierten Ausbildung“ überdenken, um damit mehr Jugendliche mit besonderem Förderbedarf zu unterstützen.

Rosemarie Hein erinnerte daran, dass im Koalitionsvertrag eine Ausbildungsgarantie versprochen worden war. „Aber was soll das heißen? Wer garantiert jetzt wem was? Sollen Unternehmen garantieren, dass sie ausbilden?“, fragte sie und gab gleich die Antwort: „Nein, denn derzeit bildet nur einer von fünf Betrieben aus und es sieht nicht so aus, als ob irgendjemand daran etwas ändern möchte“, stellte Hein fest.

Nach Ansicht von Rainer Spiering (SPD) sollte es erst einmal darum gehen, überhaupt „valide“ Erkenntnisse über die Motivation von Schülern bei ihrer Berufs- oder Studienwahl zu sammeln. Hier herrsche verbreitet Unwissen, bemängelte er. Überzeugt zeigte er sich darin, die berufliche Bildung unter anderem durch deren stärkere internationale Ausrichtung attraktiver machen zu können, analog zu den Erasmus-Programmen für Studenten.

Beate Walter-Rosenheimer (Bündnis 90/ Die Grünen) verwies auf den DGB-Ausbildungsreport 2014 und die dort aufgelisteten Defizite in der Ausbildungsqualität. Sie begrüße die Bemühungen der Wirtschaft, qualitativ hochwertige Ausbildungsplätze anzubieten, doch sei das leider keine Selbstverständlichkeit. „Wer Jugendliche in der Ausbildung nicht ernst nimmt und denkt, an der Qualität der Ausbildung sparen zu können, muss schleunigst zu einem Umdenken veranlasst werden“, mahnte sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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