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KOMMUNEN
Mirko Heinemann
Warten in zugigen Baracken

Menschen auf der Flucht wohnen in Deutschland oft in desolaten Unterkünften. Städte und Gemeinden sind überfordert. Doch viele Bürger packen an und helfen

Kalter Regen fällt auf eine Grasfläche, die zwei langgezogene Baracken umgibt. Die beiden Baracken, jede rund 50 Meter lang, zehn Meter breit, sind mit Holz verkleidet und tragen Wellblechdächer. Das Fenster neben der Eingangstür der rechten Baracke ist eingeschlagen. Innen: ein langer Gang, von dem aus zellenartige Zimmer abgehen. Darin stehen jeweils drei bis vier Betten eng zusammen. Boden und Waschbecken im Waschraum sind vergilbt und verkalkt. Ebenso die Toiletten. Im Duschraum hängen vor den Kabinen zerfledderte Duschvorhänge. Die Heizungen sind warm, doch sie können nichts ausrichten: Das Fenster fehlt.

„Es fehlt schon seit April“, erklärt Frank Knors. Der 50-jährige Nachbar aus Mönchengladbach-Rheindahlen setzt sich gemeinsam mit einem Dutzend anderen aus einem Ökumenischen Arbeitskreis für die Flüchtlinge ein. Sie begleiten die Neuankömmlinge auf die Ämter, nehmen sie zu Freizeitaktivitäten mit und veranstalten Spielenachmittage für die Kinder. „Die Baracken sind vor über 20 Jahren als Flüchtlingswohnheim errichtet worden“, erklärt Knors. „Und seit zehn Jahren wird ihr erbärmlicher Zustand von den karitativen Organisationen moniert.“

Auf einem Plastikstuhl sitzt Darko Koffin, eingeklemmt zwischen zwei Betten und einem Fahrrad. Der Enddreißiger ist aus Ghana geflohen und hat sieben Monate in dieser Unterkunft gelebt. „So etwas hat keiner von uns erwartet, als wir nach Deutschland kamen“, sagt Koffin und schüttelt den Kopf.

Dass der Zustand des Flüchtlingsheims Rheindahlen katastrophal ist, ist auch der Stadt bekannt. „Da gibt es nichts zu beschönigen“, gibt Dirk Rütten zu, Sprecher der Stadt Mönchengladbach. „Die Baracken hätten schon längst außer Betrieb gehen sollen.“ Doch die schnell wachsende Zahl von Flüchtlingen habe die Pläne umgeworfen. Im Januar 2013 habe die Stadt am Niederrhein 536 Asylbewerber beherbergt. Heute seien es mehr als 1.200 Menschen. Dirk Rütten: „Unsere Kapazitäten sind erschöpft.“ Zwei Schulen seien bereits als Notunterkünfte hergerichtet und mehrere Mehrfamilienhäuser angemietet worden. Ein weiteres Flüchtlingsheim sei im Bau. Derzeit verhandele man mit einem holländischen Hersteller über den Ankauf von Wohncontainern, um die überalterten Baracken endlich zu schließen.

Verteilung nach Quote Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl beantragen, werden zunächst in Erstaufnahmelagern untergebracht. Nach wenigen Tagen werden sie den Kommunen nach einem festen Verteilungsschlüssel zugewiesen. Viele kommunale Flüchtlingsheime sind hoffnungslos überfüllt, ihr baulicher Zustand ist schlecht, die Hygiene lässt zu wünschen übrig. Alte Gebäude werden notdürftig instand gesetzt, leerstehende Wohnungen, Hotels und Schulen belegt. Dafür gibt es Landeszuschüsse, die jedoch in den wenigsten Fällen die Kosten kompensieren. Beispiel Mönchengladbach: „Das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt sich an den Ausgaben für Flüchtlinge derzeit mit 1,2 Millionen Euro jährlich“, erklärt Dirk Rütten. „Damit sind nicht einmal 20 Prozent der anfallenden Kosten abgedeckt.“

Von Januar bis Juli 2014 haben über 97.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt, das sind 62 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Im Gesamtjahr erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) rund 200.000 Asylbewerber. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, forderte daher bereits einen „Marshall-Plan“ für die Flüchtlingshilfe. Ein so genannter Flüchtlingsgipfel im Oktober im Bundeskanzleramt verlief zunächst ergebnislos. Dann änderte der Bund zeitlich befristet das Bauplanungsrecht, um die Errichtung von Notunterkünften — etwa in Gewerbegebieten — zu erleichtern. Außerdem wird der Bund den Kommunen 2015 und 2016 jeweils 500 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung stellen. Die Länder sollen die Hälfte der Summe innerhalb von 20 Jahren zurückzahlen.

Der Präsident des Deutschen Städtetags, der Nürnberger Bürgermeister Ulrich Maly, begrüßte die Maßnahmen. Doch müssten sie durch weitere Schritte ergänzt werden. „Die wachsende Zahl der Flüchtlinge stellt uns vor integrationspolitische Herausforderungen, die wir gesamtgesellschaftlich schultern müssen“, so Maly. „Denn wir wollen und müssen Menschen, die längere Zeit hier leben, auch vernünftig in Deutschland integrieren.“

Daran ist wohl kaum zu denken, so lange die Migranten ihren Alltag in Wohncontainern außerhalb der Ortschaften oder in Gewerbegebieten verbringen. Der Bürgermeister von Goslar, Oliver Junk, bot daher an, dass seine Stadt mehr Flüchtlinge aufnehmen könne als andere Städte. In der Stadt am Harz stehen aufgrund des demografischen Wandels viele Häuser leer. Auch Dieter Salomon, Oberbürgermeister von Freiburg, ist gegen Wohncontainer. Er appellierte an private Haus- und Wohnungsbesitzer, Flüchtlinge aufzunehmen.

Zum Warten verdammt Eine gute Unterkunft ist aber nicht alles. Frank Knors, der freiwillige Helfer aus Mönchengladbach, sorgt sich um die psychische Verfassung der Flüchtlinge. „Sie sind zum Abwarten verdammt“, sagt Knors. Ein Asylverfahren in Deutschland dauert laut Bamf im Durchschnitt sieben Monate. Es kann sich aber auch über Jahre hinziehen. Asylbewerber dürfen in den ersten neun Monaten ihres Aufenthalts nicht arbeiten und unterliegen der so genannten Residenzpflicht; sie dürfen das Bundesland nicht verlassen. Hier beschloss der Bundestag vor kurzem eine Lockerung: Nach einer dreimonatigen Übergangszeit dürfen sie frei reisen.

In Mönchengladbach stehen für die 1.200 Flüchtlinge zweieinhalb Sozialarbeiter-Stellen zur Verfügung. Ohne den zivilen Unterstützerkreis von rund 100 Einwohnern wäre deren Situation noch weitaus schlimmer. Neben Frank Knors sitzt die Studentin Nadia Rabhi, die ehrenamtlich Deutschkurse für die Flüchtlinge gibt. „Die meisten Asylbewerber sind jung, sie wollen etwas unternehmen, aktiv sein“, sagt sie. „Stattdessen sitzen sie in ihren engen Zimmern, warten monatelang auf ihren Asylbescheid und gehen sich gegenseitig auf die Nerven.“

Knors, der als Entwicklungshelfer im Kongo gearbeitet hat, kritisiert die Verteilung der Flüchtlinge in den Unterkünften. „Angehörige verschiedener Nationalitäten und Religionen werden ohne Rücksicht auf deren Hintergrund zusammengelegt.“ Während des muslimischen Fastenmonats Ramadan hatte es in Rheindahlen heftige Konflikte gegeben. Muslime hatten sich über die angeblich mangelnde Rücksicht ihrer christlichen Zimmergenossen beklagt. Manchmal müssen sogar Angehörige verfeindeter Stämme in einem Heim zusammenleben. „Damit importieren wir die Konflikte in den Herkunftsländern nach Deutschland“, sagt Knors.

Wie soll es weitergehen? Mönchengladbach befindet sich derzeit im Wartemodus. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verhandelt mit dem Land Nordrhein-Westfalen, um im ehemaligen „Joint Headquarter“ der britischen Streitkräfte ab Herbst 2015 ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge einzurichten. Da es im Stadtgebiet liegt, würden sich damit für Mönchengladbach auch die Zuweisungsquoten stark verringern. Das macht die Planungen noch schwieriger. „Wir wissen einfach nicht, was 2015 sein wird“, sagt der Stadtsprecher Dirk Rütten. Derweil zieht der kalte Wind weiter in den Duschraum der Baracke in Rheindahlen.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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