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Julian Burgert
Wanted!

Mehr Einwanderer sollen den Fachkräfte- mangel und das Schrumpfen der Bevölkerung bewältigen

Kinder statt Inder“ - mit diesem Schlagwort zog die CDU im Jahr 2000 in den Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Hintergrund war ein Interview des damaligen CDU-Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers, in dem dieser sagte, anstatt ausländisches Fachpersonal aus Indien anzuwerben, müsste vielmehr die einheimische Jugend besser ausgebildet und gefördert werden. Mit dem Schlagwort löste Rüttgers eine kontroverse Diskussionen aus. Hintergrund der Diskussion war der Plan der damaligen rot-grünen Bundesregierung, gemäß des amerikanischen Vorbilds eine „Greencard“ für Deutschland einzuführen, um so ausländische Computerspezialisten, insbesondere aus Indien, nach Deutschland zu locken. Inhaber der Greencard erhielten damit eine auf fünf Jahre befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Deutschland. Das Programm lief bis 2004 und wurde dann durch ein neues Zuwanderungsgesetz ersetzt.

Eine ähnliche Diskussion ist 15 Jahre später fast undenkbar. Alle Parteien sprechen sich für mehr Zuwanderung nach Deutschland aus. So sagte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgerichteten Konferenz zum Thema Zuwanderung: „Unsere Gesellschaft muss Zuwanderung als Chance begreifen für jene, die kommen, und ebenso für jene, die schon da sind.“

Bevölkerungsschwund Für viele Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft ist Zuwanderung nicht nur eine Chance, sondern sogar ein Muss, um dem Fachkräftemangel aufgrund des demografischen Wandels zu begegnen. Die Bevölkerungszahl Deutschlands sinkt nämlich kontinuierlich. Das Statistische Bundesamt erwartet darum, dass in Deutschland 2050 mindestens zwölf Millionen Menschen weniger leben als heute. Das hat auch Auswirkungen auf die Zahl der arbeitenden Bevölkerung. So wird nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis zum Jahr 2035 um bis zu 7,3 Millionen Personen zurückgehen. Schon jetzt gibt es in vielen Bereichen einen Fachkräftemangel, wie eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit vom Juni 2014 zeigt. Mangelsituationen zeigten sich dabei zunehmend nicht nur bei akademischen, sondern auch bei nichtakademischen Fachkräften, beispielsweise bei der Altenpflege. Die Bundesagentur veröffentlicht seit November 2013 halbjährlich eine „Engpassliste“, in der die Berufen mit Fachkräftemangel vermerkt sind.

Für die deutschen Arbeitgeber ist deshalb klar: Einwanderer braucht das Land. „Deutschland ist auf die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen“, teilt der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber (BDA) denn auch mit. Selbst bei Erschließung aller inländischen Potenziale werde Deutschland nicht ohne Einwanderung auskommen. Der BDA fordert deshalb eine an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiertes Einwanderungspolitik.

Die Bundesregierung hat die Problematik ebenfalls erkannt und mehrere Programme zur besseren Einwanderung von qualifizierten Arbeitskräften auf den Weg gebracht (siehe rechts). Auf der Webseite www.make-it-in-germany.com werben mehrere Ministerien um Fachkräfte aus dem Ausland. Diese können sich dort über die Modalitäten und Voraussetzungen für eine berufliche Karriere in Deutschland informieren.

Allgemein für das Anwerben von ausländischen Fachkräften zuständig ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Diese vermittelt Arbeitnehmer und Auszubildende aus dem Ausland an deutsche Arbeitgeber. Das geschieht im europäischen Kontext unter dem Dach von EURES („European Public Employment Services“). In diesem Netzwerk sind alle nationalen Arbeitsagenturen verbunden, Arbeitssuchende aus EU-Ländern finden hier Unterstützung, wenn sie nach einer Beschäftigung in Deutschland oder einem anderen EU-Land suchen. Um Fachkräfte aus Ländern anzuwerben, die nicht zur EU gehören (Drittstaaten), gibt es separate Vermittlungsabkommen, beispielsweise mit Bosnien-Herzegowina, Serbien oder den Philippinen. Fachkräfte aus solchen Drittstaaten, die über einen Hochschulabschluss verfügen und die in Deutschland eine Berufstätigkeit entsprechend ihrer Qualifikation aufnehmen und ein Jahresgehalt von mindestens 47.600 Euro erhalten, können eine sogenannte ,,Bluecard“ erhalten. Diese wurde 2013 von der Bundesregierung eingeführt. Personen aus Drittstaaten, die über eine qualifizierte Berufsausbildung verfügen und die einen Beruf ausüben wollen, der auf der Engpassliste der Bundesagentur für Arbeit aufgeführt ist, können ebenfalls die Blaue Karte erhalten, wenn ihr Jahresgehalt weniger als das Mindestjahresgehalt beträgt, erklärt Beate Raabe von der ZAV. Das betreffe zum Beispiel Pflegekräfte.

Die ZAV hat deshalb 2012 zusammen mit dem Arbeitgeberverband Pflege ein Pilotprojekt gestartet, um in China Pflegekräfte für Deutschland zu gewinnen. Insgesamt 150 Pflegerinnen und Pfleger aus China sollen nach Deutschland kommen, 100 sind bereits im Land. Mit diesen habe man bisher „ganz fantastische Erfahrungen“ gemacht, sagt Florian Bauckhage-Hoffer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Pflege. Allerdings könne das Programm aufgrund der geringen Anzahl der Teilnehmer und des „deutlichen Mangels von 30.000 fehlenden Fachkräften im Pflegebereich“ nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein und sei vielmehr als Impulsgeber zu verstehen. Bei einem ähnlichen Pilotprojekt der ZAV zusammen mit dem Arbeitsministerium und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) kamen 100 vietnamesische Pfleger nach Deutschland.

Wichtig ist, wie Beate Raabe erklärt, dass bei der Gewinnung von Pflegekräften aus Drittstaaten nicht gegen Vorgaben der Weltgesundheitsbehörde (WHO) verstoßen werde. „Für die Länder, aus denen wir Pflegekräfte vermitteln, sind diese Aspekte eingehalten“, sagt Raabe. Gerade im Gesundheitsbereich könne es sonst zu negativen Folgen für die Herkunftsland kommen. Das trat nämlich aufgrund der großen Auswanderungen von qualifizierten Pflege- und Gesundheitsexperten in vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas ein, wie eine Studie der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG) herausfand . Die Studie sollte die Folgen von Migration für die Herkunftsländer in Mittel- und Osteuropa in den letzten 20 Jahren untersuchen. Dort kam es zu einem Care-Drain“, der die Länder vor erhebliche Probleme stellte. In Südostasien sei das aber nicht der Fall, sagt Raabe.

Stellschraube Einwanderung Für ihr Herkunftsland sind Auswanderer positiv, da sie oftmals Geld nach Hause transferieren und somit die dortige Wirtschaft stärken. Auch zum Wohlstand des Ziellandes tragen die Einwanderer bei, wie eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim zeigt. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die von der ausländischen Wohnbevölkerung in den vergangenen 40 Jahren gezahlten Steuern und Sozialbeiträge den Wert der von ihnen in Anspruch genommenen öffentlichen Sozialleistungen überstiegen hat. Für das Jahr 2012 alleine 3.300 Euro pro Person. Grundsätzlich bringe Einwanderung schon allein den Vorteil, so die Studie, dass sich die Anzahl der Steuerzahler vergrößere.

Für Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, bleibt Einwanderung die „wichtigste Stellschraube“, um den demografischen Wandel mit seinen Folgen zu verlangsamen. Aber nur zu verlangsamen, nicht zu stoppen. Denn ein Problem könne auch die Einwanderung aus anderen Ländern nicht lösen, warnt Klingholz, nämlich den Einwohnerschwund vor allem in ländlichen Gebieten. Es sei wenig wahrscheinlich, dass Emigranten ausgerechnet in jene Gebiete ziehen würden, aus denen die Einheimischen weggezogen sind. Zudem hätten Herkunftsländer wie China bald selbst mit einer schrumpfenden Bevölkerung zu kämpfen, so der Wissenschaftler.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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