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PARLAMENTSGESCHICHTE
Bernd Haunfelder
Jüdische Abgeordnete im Reichstag

Zu den prominenten Abgeordneten des kaiserlichen Reichstags zählten zahlreiche jüdische Parlamentarier wie etwa Ludwig Bamberger und Eduard Lasker. Die meisten saßen in den Reihen liberaler Fraktionen. Ihr politisches Wirken verbanden sie auch mit dem Ziel, die Durchsetzung der Gleichberechtigung der Juden in Staat und Gesellschaft zu fördern. Doch offen oder verborgen sahen sie sich gängigen Vorurteilen und antisemitischen Spitzen ausgesetzt, auch innerhalb der eigenen Reihen.

So ließ sich Heinrich von Treitschke schon als Mitglied der nationalliberalen Reichstagsfraktion, die er 1879 verließ, über Juden aus. Im selben Jahr löste er mit einem Aufsatz "Unsere Aussichten", der den berüchtigten Ausspruch "Juden sind unser Unglück" enthielt, den Berliner Antisemitismusstreit aus. Doch auch andere Abgeordnete fielen durch antisemitische Aussagen auf: Der weltläufige, aus Bremen stammende Kaufmann, der Nationalliberale Alexander Georg Mosle, unterstellte Gegnern der Bismarckschen Schutzzollpolitik semitisches Treiben. Mosle wurde danach aus der nationalliberalen Fraktion herauskomplimentiert. Auch der zeitweilige nationalliberale Abgeordnete Diederich Hahn fiel durch antisemitische Äußerungen auf und wurde dafür sogar kurzzeitig vom Plenum ausgeschlossen.

Nicht zuletzt war sich Bismarck trotz seines späteren engen persönlichen Verhältnisses zu seinem jüdischen Bankier Gerson Bleichröder nicht zu schade, schon zu Beginn seiner Karriere vermeintlich geistreiche Bemerkungen über jüdische Abgeordnete zum Besten zu geben. Erwähnt seien die 1850 gefallenen Worte über den Präsidenten des Erfurter Volkshauses, Eduard Simson. Als dieser Bismarcks Wahl zum Schriftführer verkündete, ließ der 35-jährige den Abgeordneten August Reichensperger wissen, dass sich sein seliger Vater dreimal im Grabe herumdrehe, wenn er höre, dass er Schreiber eines jüdischen Gelehrten geworden sei. Simson war allerdings seit frühester Jugend konvertiert. Trotzdem galt das Verhältnis Bismarcks zu Simson, über den er sich bei seinen späteren parlamentarischen Abenden wiederholt positiv äußerte, als ausgezeichnet.

Zu Zeiten des Reichstags stieß sich Bismarck dann, wie im Falle Eduard Laskers oder Leopold Sonnemanns, des Verlegers der "Frankfurter Zeitung", weniger an deren jüdischen Glauben als vielmehr an deren souveränen, von großem Wissen getragenen Auftritten im Reichstag, die ihm das Leben schwer machten. Lasker verließ jedenfalls im Jahr 1880, nicht zuletzt aufgrund antisemitischer Strömungen in den eigenen Reihen, entnervt die Nationalliberale Partei und schloss sich nach vorübergehender Fraktionslosigkeit der "Sezession" an.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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