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Gastkommentare - Pro
Hannes Koch, freier Journalist
Hoffnungsvolle Idee

EinEN Marshall-plan für den Nahen Osten?

Die Idee verspricht Hoffnung: ein Marshall-Plan zugunsten der Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Das fordern zum Beispiel Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Aktuell ist die Idee en vogue, weil sie eine adäquate Antwort auf die Fluchtbewegungen Richtung Europa zu versprechen scheint. Wenn die Menschen in den Staaten des Nahen Ostens akzeptable Lebensbedingungen vorfänden, müssten sie nicht flüchten, lautet der plausible Gedanke.

Doch was passiert tatsächlich, um Entwicklung in Europas südlichen Nachbarregionen zu ermöglichen? Etwa drei Milliarden Euro stehen in Müllers Haushalt 2016 zur Verfügung, um Probleme im Zusammenhang mit der Migration zu lindern und die Ursachen von Fluchtbewegungen zu bekämpfen. Gut neun Milliarden Euro kamen bei der Syrien-Geberkonferenz im vergangenen Februar zusammen. Das sind keine kleinen Summen. Aber an das Vorbild reichen sie bei weitem nicht heran. In den historischen Marshallplan investierten die Vereinigten Staaten zwischen 1948 und 1952 nach heutigem Wert über 100 Milliarden Euro.

Und Geld alleine ist auch nicht genug. Geht es doch darum, die Zusammenarbeit mit den oft repressiven und korrupten Eliten in den Fluchtländern zu verringern, die dortige Zivilgesellschaft zu stärken und für eine faire wirtschaftliche Kooperation zu sorgen, die die südlichen Staaten nicht vornehmlich als Aktionsfeld westlicher Unternehmen betrachtet. Nicht zuletzt wäre außerdem eine koordinierte Herangehensweise der Europäischen Union nötig, die über Einzelinitiativen hinausgeht. So ist der Marshall-Plan augenblicklich ein große Idee, die dem historischen Vergleich aber noch nicht standhält.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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