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Gastkommentare - Contra
Richard Herzinger, WeltN24
Zeit noch nicht reif

EinEN Marshall-plan für den Nahen Osten?

Um einen Marshall-Plan für den Nahen Osten ins Werk zu setzen, fehlen die politischen Voraussetzungen. Die massive US-Aufbauhilfe für Europa ab 1948 erfolgte Jahre, nachdem der Krieg beendet und der Kontinent von dem nationalsozialistischen Aggressor befreit worden war. Die Nationen, die in ihren Genuss kamen, einte der Wille, sich einer friedlichen Zukunft auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit und marktwirtschaftlicher Prosperität zuzuwenden.

Von einem derartigen Konsens kann im heutigen Nahen Osten keine Rede sein. Trotz einer - äußerst fragilen - Waffenruhe ist ein Kriegsende in Syrien längst nicht in Sicht. Nicht nur, wie und wann die Terrormiliz IS besiegt werden kann, bleibt offen, sondern auch, ob sich das mörderische Assad-Regime zumindest in einem Teil des Landes dauerhaft an der Macht hält. Der Konflikt zwischen dem Iran und den sunnitischen Mächten um Saudi-Arabien um die Vorherrschaft in der Region ist ungebrochen virulent und könnte noch größere kriegerische Explosionen auslösen. Die Einmischung anderer Mächte, vor allem Russlands und der Türkei, macht die Lage zusätzlich unkalkulierbar. Irak, Jemen, Afghanistan, Libyen sind weitere Schlachtfelder mit Tendenz zur Ausweitung.

Der Westen braucht einen strategischen Plan und den Durchsetzungswillen, um dieses zerstörerische Gewirr zumindest einzudämmen. Bis dahin muss sich Europa darauf konzentrieren, humane Schutzräume für Flüchtlinge in der Region zu schaffen und Staaten wie Jordanien und Tunesien zu stabilisieren, die dem Terror und staatlichen Zerfall noch standhalten. Alleine das erfordert die Aufwendung gewaltiger Mittel. Die Zeit für den großen Wiederaufbauplan ist leider noch lange nicht gekommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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