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EDITORIAL
Jörg Biallas
Lehre aus den Fehlern

Der Nahe Osten ist uns derzeit emotional besonders nahe. Auch wenn der Flüchtlingsstrom aus dieser Region nach Deutschland deutlich abgeebbt ist, begehren noch immer Hunderttausende Einlass in die Europäische Union. Die Massenflucht bleibt für die Heimatländer wie für die Zielstaaten der Migranten ein Problem. Eine dauerhafte und befriedigende Lösung ist nicht in Sicht.

Hinzu kommt eine Terrorwelle, die ihren Ursprung ebenfalls im Nahen Osten hat und in den vergangenen Monaten mehrfach über den Schutzdamm europäischer Sicherheitsmaßnahmen schwappte. Männer aus arabischen Ländern halten sich selbst für "Gotteskrieger" mit einem religiösen Auftrag.

Tatsächlich sind sie aber besonders feige und hinterhältige Mörder mit einer religiösen Wahnvorstellung. Sie haben Paris und Brüssel angegriffen, erheblich verletzt und zeitweilig in eine Schockstarre versetzt. Die Wehrhaftigkeit, den Willen ganz Europas, mit aller Kraft gegen diesen Irrsinn vorzugehen, haben sie nicht gebrochen.

Im Wissen darum, dass keine europäische Metropole vor solchen Terrorangriffen gefeit ist, wachsen auch hierzulande die Vorbehalte gegen Religion und Kultur des Orients. Statt den Versuch zu unternehmen, die Vielschichtigkeit der Ideologien und historischen Einflüsse zu durchdringen, sprießen Vorurteile und pauschale Ablehnung. Wer nicht genau hinschaut und dabei auch in die Vergangenheit blickt, wird die Gegenwart aber nur unzureichend verstehen können.

Gleiches gilt für jene, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass die allermeisten Menschen aus dem Nahen Osten, die bei uns leben wollen oder leben müssen, friedlich sind und mit größter Abscheu auf den Terror ihrer Landsleute blicken. Wie müssen die sich in der neuen Heimat fühlen, wenn gegen sie gehetzt und ihnen Sympathie für Massenmörder unterstellt wird?

Die Welt bewegt sich in Zeitläuften, die so unwägbar und unsicher wie lange nicht sind. Das Verhältnis der Staaten in Nahost untereinander spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie das Verhältnis von Abend- zu Morgenland. Gewiss würde es helfen, die zahlreichen politischen Fehler der Vergangenheit zu nutzen, um für die Gegenwart zu lernen.

Das gilt übrigens gleichermaßen für Orient und Okzident.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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