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BIOGRAPHIE II
Alexander Weinlein
Widersprüche eines freien Radikalen

Das Wirken von Hans-Christian Ströbele

Authentisch, unnachgiebig, unbestechlich. Dies sind Charaktereigenschaften, die Hans-Christian Ströbele gerne nachgesagt werden. Aber es gibt auch andere: Pragmatisch und traditionsbewusst, Es sind höchst widersprüchliche Aussagen. Und doch ergeben sie unter dem Strich das durchaus stimmige Bild eines Mannes, der die politischen Gemüter seit nunmehr annähernd 40 Jahren zu erhitzen weiß - im positiven wie im negativen Sinne. Von den einen als radikal-linke Ikone verehrt, von den anderen als ideologisch verbohrter "Alt-68er" geschmäht, der bis heute in anti-amerikanischen und anti-kapitalistischen Reflexen verharrt.

Es ist das große Verdienst von Stefan Reinecke, Politikredakteur der "taz", dieses Bild in der ersten und sehr lesenswerten Biographie über Ströbele zusammengesetzt zu haben. Es ist vor allem eine politische Biographie, die er geschrieben hat. Mit Ausnahme der ersten Kapitel, in denen er den Lebensweg des 1939 in Halle an der Saale geborenen Hans-Christian Ströbele durch Kindheit, Jugend und Studienzeit in Heidelberg und Berlin nachzeichnet, erfährt der Leser wenig über den Privatmenschen Ströbele. In weiten Teilen erzählt Reinecke eine Geschichte der politischen Linken in Deutschland - aber immer hart am Protagonisten ausgerichtet.

Durchaus vergnüglich lesen sich die Passagen über Ströbeles Wehrdienst, den er nach dem Abitur 1959 bei der Luftwaffe ableistete und dort seinen widerständigen Geist gegen Hierarchien und das System entdeckte, indem er seine Beförderung zum Gefreiten ablehnte und als gewählter Vertrauensmann seiner Einheit erste Erfahrungen als "Anwalt" sammelte. Bis heute bezeichnet sich Ströbele selbst in der Kurzvita des Abgeordneten-Handbuchs des Bundestages selbst als "Kanonier der Reserve". Das ist mehr als Koketterie, sondern Ausdruck eines Selbstbildnisses: "Seht her, ich bin mir treu geblieben."

Republikweit bekannt wurde Ströbele Anfang der 1970er Jahre als Anwalt der RAF-Terroristen um Andreas Baader. Wegen Missbrauch der Anwaltsprivilegien wurde er noch vor Beginn des Stammheim-Prozesses ausgeschlossen und 1980 zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt, weil er in das illegale Informationssystem der inhaftierten RAF-Terroristen involviert gewesen sein soll. Später wurde das Strafmaß auf zehn Monate reduziert. Er selbst bestreitet die Vorwürfe bis heute.

Reinecke, der bereits eine Biographie über Ströbeles alten Weggefährten Otto Schily verfasst hat, zieht ein kritisches Resumee: Gescheitert sei Ströbele eben nicht an einer "repressiven Justiz oder an Springer-Zeitungen, die ihn beschimpften, sondern "an seinen eigenen Irrtümer - an dem Glauben, dass die RAF durch ihre Abstammung aus der Studentenrevolte geadelt ist und einen natürlichen Anspruch auf Solidarität hat". Seine Rolle als RAF-Anwalt und sein höchst ambivalentes Verhältnis zu der Terrorgruppe begleitete Ströbele auch durch seine gesamte politische Karriere. Von Vertretern der konservativen Lagers wurde er dafür in schöner Regelmäßigkeit attackiert. Ein abschließendes Urteil steht noch aus. Reinecke weiß zu berichten, dass Ströbele in seiner Berliner Bürowohnung "sein Heiligstes" versteckt: Eine Bücherwand voll Briefwechsel mit den RAF-Terroristen Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sowie Akten aus dem Prozess gegen ihn selbst. Diese Unterlagen darf niemand sehen und Ströbele weiß auch nicht, was mit ihnen eines Tages geschehen soll. Dass müsse er noch in seinem Testament regeln. Sein Biograph hätte sicher gerne in diese Akten Einsicht genommen.

Reinecke nähert sich Ströbele auf den 464 Seiten seines Buches kritisch, aber immer mit dem gebotenen Abstand und Fairness an. Wie zur Bestätigung, dass der Journalist seine Arbeit gut gemacht hat, zeigte sich schon daran, dass Ströbele selbst nicht ganz zufrieden mit dem Werk ist. Reineckes Buch sei "ein Ansporn" für ihn, "eine Autobiographie zu schreiben"; sprich: Seine Sicht der Dinge darzustellen.

Begründet wohlwollend beschreibt Reinecke Ströbeles parlamentarische Karriere, die 1985 mit seinem Einzug für die Grünen in den Bundestag begann, dem er zunächst für zwei Jahre angehörte. Mit dem erneuten Einzug ins Parlament 1998 sitzt er nun bis heute ununterbrochen im Bundestag. Es ist einer dieser Widersprüche, dass ausgerechnet Ströbele, der in der außerparlamentarischen Opposition politisch sozialisiert wurde, heute als eine Art Vorzeige-Parlamentarier gilt. In seinem Berliner Wahlkreis Kreuzberg-Friedrichshain hat nun bereits vier mal das Direktmandat gewonnen. Das hat ihm viele Freiräume in der eigenen Fraktion geschaffen, die ihn schon hatte loswerden wollen. Der "Apo-Opa", wie er oftmals höhnisch tituliert wird, kommt seinem Auftrag als Volksvertreter mit viel Fleiß und Gewissenhaftigkeit nach. Besonderes Augenmerk legt er stets auf die Rolle als Kontrolleur der Regierenden - und beweist eine bemerkenswerte Farbenblindheit. Seine Auseinandersetzungen mit Parteifreund und Außenminister Joschka Fischer in den rot-grünen Regierungsjahren über die Auslandseinsätze der Bundeswehr zeugen davon.

Überhaupt wundert es mitunter, dass Ströbele noch Mitglied der Grünen ist, die sich so weit von ihren Wurzeln entfernt haben. Er sei ein "Mann rationaler Kalküle", urteilt Stefan Reinecke. Deshalb sei er bei den Grünen nicht ausgetreten. "Er will wirken, das ging am besten in der Rolle als grüner Dissident". Im gewissen Sinne sei Ströbele konservativ und traditionsverhaftet. Im Politischen wie Privaten: "Ströbele ist treu - zu Menschen und Ideen." Und zu sich selbst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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