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SOZIALE Frage
Claudia Heine
Das ungleiche Land

Marcel Fratzscher fordert Chancengleichheit für alle - von Anfang an

Zwar ist Deutschland eines der reichsten Länder der Welt, aber dennoch werden fast wöchentlich Studien zu Kinderarmut und steigender Kluft zwischen Arm und Reich veröffentlicht. "Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird." Das ist nicht länger nur eine Frage, die Sozialverbände beschäftigt. Sie prangt nun auch auf dem Titel des gleichnamigen Buches von Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Und Fratzscher ist in seiner Zustandsbeschreibung nicht zimperlich: "In unserer Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt. In kaum einem Industrieland herrscht eine so hohe Ungleichheit - in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen." So weit, so schlecht. Seit Jahren weisen Wissenschaftler des DIW - und nicht nur sie - darauf hin. Fratzscher bündelt nun diese und viele andere Statistiken, um anhand der Dreiteilung Vermögen, Einkommen und Mobilität zu zeigen, wie ungleich Deutschland ist. Diese Frage treibt ihn nicht etwa um, weil er ein Problem mit Ungleichheit an sich hat, diese sei aus ökonomischer Perspektive "erstmal weder gut noch schlecht" und schaffe auch Anreize. Ungleichheit wird nach Fratzscher erst dann zu einem Problem, "wenn zu viele Menschen ihre Talente nicht nutzen können und kein fairer Wettbewerb herrscht. In einem solchen Land werden Produktivität und Wachstum der Volkswirtschaft geschwächt. Genau dies ist in Deutschland der Fall."

Investitionen in Bildung Dem Ökonomieprofessor geht es nicht um einen moralischen Diskurs. Ihn treibt die Sorge um die volkswirtschaftlichen Folgen zu großer Ungleichheit. Unklar bleibt dabei aber stets: Ab welcher Grenze wird es problematisch? Fratzscher zitiert DIW-Studien, nach denen das reichste ein Prozent der Deutschen zwischen 30 und 35 Prozent des gesamten Vermögens besitzt. Bedeutet das aber, "nur" 20 Prozent des Vermögens wären in Ordnung?

So detailliert das Buch anhand zahlreicher Grafiken die Ungleichheit belegt, so vage bleibt es meist bei den Gegenstrategien. Zwar regt Fratzscher eine stärkere Belastung von Kapital und Vermögen bei gleichzeitiger Reduzierung der "Abgaben für die Unternehmen für den Faktor" an. Aber was heißt das konkret? Die Diskussion um eine Vermögensteuer eröffnet er jedenfalls nicht. Auch die Bedeutung von Niedriglöhnen und Deregulierung des Arbeitsmarktes streift er nur am Rande.

Aus seiner Sicht ist das konsequent, denn Fratzscher plädiert nicht für mehr Umverteilung und einen stärkeren Staat, sondern für das Gegenteil. Im Fokus des Kampfes gegen Ungleichheit sollten nicht die "oberen Zehntausend" der Gesellschaft stehen, sondern die "Chancenungleichheit der unteren 40 Prozent" und hier vor allem Investitionen in Bildung.

Fratzscher beklagt, dass in kaum einem Industrieland die soziale Herkunft den Bildungsweg so vorbestimmt und die soziale Mobilität so gering ist wie in Deutschland. Wer arm geboren wird, bleibt es meist. Wer will in diese Klage nicht einstimmen angesichts der unzähligen Studien, die das belegen? Aber im Bildungssektor allein kann das Ruder sicher nicht umgerissen werden. Die Verantwortung der Wirtschaft, in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz unwichtig, führt in der Analyse Fratzschers jedenfalls eher ein Schattendasein. Alles andere wäre allerdings auch wirklich eine Überraschung gewesen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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