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GROSSBRITANNIEN
Stefanie Bolzen
Gespaltenes Königreich

52 Prozent der Briten haben für einen EU-Austritt gestimmt. Während die einen jubeln, sorgen sich andere um die Zukunft des Landes

Um 4.40 Uhr Ortszeit verkündete der Moderator der BBC-Wahlsendung: "Die Briten haben entschieden: Wir sind raus." Jedes Ergebnis, das zuvor aus den 382 britischen Wahlbezirken eingetroffen war, hatte das Lager der Ausstiegsbefürworter einem Sieg nähergebracht. Und die Resultate belegten keinen knappen, sondern einen deutlichen Vorsprung gegenüber der Pro-EU-Seite. Am Schluss waren es 1,27 Millionen Wähler mehr, die sich gegen einen Verbleib in der Europäischen Union entschieden hatten.

Keine vier Stunden später trat Premierminister David Cameron vor seinen Amtssitz Downing Street Number 10. "Ich denke nicht, dass es richtig wäre für mich, der Kapitän zu sein, der unser Land zu seinem nächsten Ziel steuert", begründete der Konservative seinen Rücktritt. Der war erwartet worden, schließlich hatte der 49-Jährige sein politisches Schicksal eng mit dem Ausgang des Referendums verknüpft. "Ich liebe dieses Land", sagte er mit brechender Stimme, bevor er an der Hand seiner Frau Samantha in seinem Amtssitz verschwand.

Das Endergebnis von 52 Prozent für den einen "Brexit" ist ein historischer Einschnitt für Großbritannien, das seit 1973 in der EU ist und zuletzt 1975 über seine Mitgliedschaft abgestimmt hat. Das Votum macht zugleich eine klare Spaltung des Landes zwischen dem Norden Englands und dem Süden deutlich. Die Weltstadt London und selbstredend Schottland hatten klar für den Verbleib in der EU gestimmt. Aber das reichte nicht.

Denn die ländlichen Gebiete im ganzen Norden Englands wählten überwältigend den Brexit. Genau wie Wales, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch als europafreundlicher Teil galt. Mehrheitlich für den Brexit votierten die Menschen in Regionen, die einst industrielles Herz ihres Landes waren, aber seit Jahrzehnten vor allem außerhalb der großen Städte dem wirtschaftlichen Verfall überlassen wurden. Yorkshire beispielsweise, traditionell Hochburg der europafreundlichen Labour-Partei, stimmte fast durchgängig für "Leave" - es ist jener Landstrich, aus dem die am 16. Juni ermordete Abgeordnete Jo Cox stammte.

Dass aber selbst Universitätsstädte wie Newcastle, Sheffield oder Nottingham für den Austritt stimmten, kam völlig unerwartet und brachte mit den entscheidenden Ausschlag für das Brexit-Votum.

Viele, allen voran die Demoskopen, haben wohl die Frustration und die Wut über den "elitären", "undemokratischen" Politikbetrieb in London und Brüssel unterschätzt. Sie haben unterschätzt, wie sehr die Botschaft der Brexit-Kampagne verfing. Ihre Kernbotschaft: Die Wähler sollen die Kontrolle über die Dinge zurückbekommen, die für sie wirklich wichtig sind - Immigration, öffentliche Dienste und schlichtweg die Demokratie selbst.

Sorge über Einwanderung Die Überzeugung, dass mit einem EU-Austritt die Einwanderung nach Großbritannien abnehmen könnte, wog letztlich schwerer als die Furcht vor negativen wirtschaftlichen Folgen. Zu lange ist in Millionen Briten offensichtlich das Gefühl gewachsen, dass ihre Stimme keinen Unterschied macht, dass sie ihre Souveränität als Wähler und als Land endlich verteidigen müssen. Das EU-Referendum am 23. Juni hat ihnen dazu die Möglichkeit gegeben.

Für jene, denen Europa am Herzen liegt, ist der Tag ein Schock. "Das ist ein trauriger Tag für Großbritannien. Das ist ein trauriger Tag für Europa", sagte Ex-Premier Tony Blair, der vollkommen zu Recht als EU-freundlichster Premier gilt, den das Königreich je hatte. Gegen alle Widerstände wollte er sein Land sogar in die Eurozone führen. In seiner Amtszeit von 1997 bis 2007 erlebte Großbritannien einen wirtschaftlichen Boom, der Sozialdemokrat Blair bewegte seine Partei als "New Labour" ins politische Zentrum. Unter seiner Führung entschied London auch, 2004 den Arbeitsmarkt unbeschränkt für Jobsuchende aus den neuen EU-Ländern zu öffnen. Eine Entscheidung, die viele am heutigen Tag als Grund für den Brexit sehen. Weit mehr als zwei Millionen EU-Ausländer kamen ins Land. Blair aber steht bis heute zu seiner Politik. "Die Antwort auf unsere Probleme und Herausforderungen kann nicht sein, die Menschen aus Europa, aus unserem Land zu drängen. Es gibt dafür produktivere Wege, als aus der EU auszusteigen." Nun fürchtet der 63-Jährige um den internationalen Ruf seiner Nation. "Wir werden hart arbeiten müssen, um unseren Einfluss in der Welt wiederzugewinnen", meint er.

Auf der anderen Seite stehen jene, für die dieser Tag als Erfüllung ihres größten Wunsches in die Geschichte eingehen wird. An erster Stelle: Nigel Farage. Ohne den Chef der Anti-EU-Partei Ukip hätte es das Referendum nicht gegeben. Farage war es, der Cameron durch die wachsende Popularität seiner Ukip in die Volksabstimmung trieb. Der Politiker, der das Image des "kleinen Engländers" mit einem Guinness-Glas in der Hand und einer Zigarette im Mund pflegt, ist der lauteste Sieger dieser historischen Wahlnacht. Die Nation ließ er bereits wissen, wer der Gewinner des Votums ist: "Die echten Leute, die normalen Leute, die anständigen Leute."

Der 52-Jährige wird jetzt Druck auf die Regierung machen, den Austrittsprozess so schnell wie möglich umzusetzen und einen "ordentlichen Deal" von den Europäern zu bekommen. Aber Farage hat am Freitagmorgen auch seine weitere politische Zukunft abgesteckt. Denn nach dem Brexit braucht seine Ein-Thema-Partei eine neue Mission. Und die lautet: Kampf. "Wir haben gegen die multinationalen Konzerne gekämpft, gegen die großen Banken, gegen die große Politik, gegen Lügen, Korruption." So formiert sich Ukip als Anti-System-Partei der ersten Wahl.

Wie geht es jetzt auf Regierungsebene weiter? Cameron wird die Geschäfte führen bis zum Parteitag im Herbst, wenn sein Nachfolger gewählt wird. Die Chancen für Boris Johnson stehen gut, Partei- und Regierungschef zu werden. Londons exzentrischer Ex-Bürgermeister hatte sich Mitte Februar in einer für viele überraschenden Wende an die Spitze der Brexit-Kampagne gesetzt.

Vermutlich beginnen die Verhandlungen mit den 27 EU-Staaten offiziell nach dem Sommer. Londons Minister und Beamte werden dann mit Vertretern der EU-Kommission eine völlig neue Grundlage für die Beziehungen erarbeiten müssen. Laut Vertrag von Lissabon bleiben dazu nur zwei Jahre. Eine kurze Zeit für eine so große Entscheidung.

Die Autorin ist Korrespondentin der "Welt" in London.

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