Inhalt

Mauerbau-Jahrestag
Ernst Elitz
Rebhuhn-Jagd statt Protestnote

Wie die Medien in Ost und West am 13. August 1961 über die Ereignisse in Berlin berichteten

Am Sonntag, den 13. August 1961, trat der Nachrichtenredakteur Hermann Meyn Punkt 0 Uhr seinen Nachtdienst beim RIAS an. An Sonntagen machte das Weltgeschehen Pause, und die einmal formulierten Nachrichten wurden meist ohne Veränderung bis in den frühen Morgen gesendet. Aber diesmal meldeten sich kurz nach Mitternacht West-Berliner Nachtschwärmer und berichteten von ungewöhnlichen Beobachtungen: Der S-Bahn-Verkehr sei eingestellt, Wartende müssten die Bahnsteige räumen.

Eine Verkehrsstörung ist noch keine Nachrichtenmeldung, dachte Meyn - bis um 01.11 Uhr aus dem Ticker eine nicht enden wollende Erklärung quoll, in der die Regierungen des Warschauer Pakts "die von Westberlin ausgehende Wühltätigkeit" und die Aufstachelung "feindlicher Elemente" zur "Organisation von Sabotageakten und Unruhen in der DDR" beklagten. Die DDR-Regierung habe sich deshalb für "Schutzmaßnahmen an der Grenze Westberlins" entschieden. Während der RIAS-Redakteur seine Reporterkollegen aus den Betten holte, klingelte es in Ost-Berlin "an den Türen, klopfte es an die Fenster, schrillten die Telefone: Alarm, Genosse! Sofort zum Stützpunkt". Die Angehörigen der Kampfgruppen, einer paramilitärischen Organisation, wurden zusammengetrommelten, um Polizei und Volksarmee beim Grenzeinsatz zu unterstützen. Die im Stil eines Landser-Heftes verfasste Kampfgruppen-Reportage wurde nach der Grenzschließung in den volkseigenen Betrieben verteilt.

Zwei journalistische Welten Ob Kampfgruppen-Schreiber, Zeitungsredakteur oder Fernsehsprecher - der 13. August 1961 wurde zur politischen Bewährungsprobe für alle DDR-Journalisten. Sie waren die "ideologische Waffe der Partei" und hatten "die breiten Massen für die Durchführung der Politik der Partei zu mobilisieren". So prallten in der Berichterstattung zwei konträre Auffassungen von journalistischer Arbeit aufeinander: In der DDR die Lenkung der Massen im Sinne der Staatspartei und die Betrachtung der Ereignisse durch die Brille der SED. Und in der Bundesrepublik: wahrheitsgetreue Schilderung, Analyse und Kommentar.

Für den RIAS, dem von der US-Regierung gegründeten Rundfunk im Amerikanischen Sektor, war besondere Sensibilität angesagt. "Kurz vor 2 Uhr", berichtet der RIAS-Nachrichtenredakteur, "stürzte an diesem 13. August 1961 ein spärlich bekleideter Amerikaner in den Nachrichtenraum und fragte: 'Sind die Verbindungswege betroffen?' - Ich antwortete: 'Nein, es geht um die Abriegelung Ost-Berlins.' - 'Dann ist alles okay', antwortete er erleichtert."

Die Amis wollten alles vermeiden, was die Stimmung in der Stadt aufheizen könnte. Deshalb gaben sie Weisung: weiter normaler Sendebetrieb, keine 24-Stunden-Dauer-Sondersendung, die aus journalistischer Sicht dem historischen Ereignis durchaus angemessen gewesen wäre. Die Entscheidung war politisch verständlich. Denn der junge US-Präsident John F. Kennedy war nach dem Abschuss eines US-Aufklärungsflugzeuges über der Sowjetunion und einer gescheiterten Invasion von Exilkubanern beim Kreml-Freund Fidel Castro, dem kubanischen Regierungschef, politisch geschwächt. Zudem war Kennedy vom Vorsitzenden des sowjetischen Ministerrates, Nikita Chruschtschow, bei einem Treffen im Juni 1961 mit einem Berlin-Ultimatum konfrontiert worden. Gebe es von westlicher Seite keine Bewegung in Richtung auf eine entmilitarisierte - also von den West-Alliierten geräumte - "Freie Stadt West-Berlin", würde die Sowjetunion der DDR-Regierung die Kontrolle über die Zufahrtswege nach West-Berlin übergeben. Die Zufahrtswege wären dann dicht, erklärte Chruschtschow.

Auf diese Provokation musste Kennedy reagieren. Am 25. Juli 1961 verkündete er eine radikale Aufstockung der US-Streitkräfte und definierte zugleich "three essentials" für West-Berlin: Anwesenheit der Alliierten, freier Zugang und Selbstbestimmungsrecht der West-Berliner. Ost-Berlin erwähnte Kennedy nicht. Jetzt, nachdem die Mannschaften von Walter Ulbricht, der an der Spitze des Zentralkomitees der SED stand und Vorsitzender des Staatsrates der DDR war, zu sperren begannen, konzentrierte sich alles auf die eine Frage: Akzeptiert der Kreml Kennedys "essentials" - oder setzt er sich darüber hinweg? Chruschtschows Trick: Er machte die Grenze nach Ost-Berlin dicht, und versicherte zugleich, "die geltenden Bestimmungen für den Verkehr und die Kontrolle an den Verbindungswegen zwischen Berlin und Westdeutschland" würde das "nicht berühren". Der Westen war erleichtert, und die Kommentatoren der westlichen Rundfunkstationen konnten schon am frühen Morgen Entwarnung geben.

Beruhigend war ihre Botschaft aber nur für die Radiohörer im Westen. Den Preis zahlten die Bürger im Osten, denen es nicht viel half, dass die Politiker "unseren Landsleuten in der Sowjetzone" nun über den Äther fast im Minutentakt versicherten, "dass wir uns ihnen in diesen Stunden enger verbunden fühlen als je". Wohl auf Weisung der Sowjets verstärkten die an die Sektorengrenze entsandten Fernseh- und Radio-Reporter der DDR Chruschtschows diplomatisches Signal. Fast jede Reportage enthielt den Hinweis, dass West-Berliner nach wie vor die Sektorengrenze in jede Richtung passieren könnten ("alles reibungslos wie eh und je"). In der "Aktuellen Kamera", der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, wurden demonstrativ westliche Touristenbusse bei Rundfahrten durch Ost-Berlin gezeigt. Der Reporter am Grenzkontrollpunkt Drewitz verkündete: "Reiseverkehr normal wie an jedem Sonntag!" und rief einem West-Berliner VW-Fahrer, der für vier Tage in den Harz fahren wollte, noch ein "Gute Fahrt und erholen Sie sich gut" hinterher.

Historischer Tag So viel - propagandistisch gebotene - Freundlichkeit für die Nutzer der Transitwege gab es wohl nur an diesem historischen Tag. Am Brandenburger Tor warb ein Reporter bei West-Berliner Autofahrern sogar um Verständnis für die Sperr-"Massnahmen": "Das geht doch nicht, dass die uns die ganzen Leute wegnehmen." - "Was soll man machen", murmelte eine West-Berlinerin, "ich verstehe das." Ein anderer Reporter machte klar: "Die Grenze des demokratischen Berlin ist kein Diskussionsforum. Provokateuren wird auf die Finger gehauen." Da war es vielleicht besser, Verständnis zu heucheln. Und nichts wie weg.

"Die Leute wegnehmen" hieß: Die DDR-Führung wurde des Stroms der Flüchtenden, die die DDR über die weitgehend unkontrollierte Berliner Sektorengrenze verließen, nicht mehr Herr. Insgesamt hatten seit Gründung der DDR 3,5 Millionen der DDR den Rücken gekehrt, um dem politischen Druck und den miserablen Lebensverhältnissen zu entkommen. Diese Bürger wurden nicht von Agenten angeworben, wie der DDR-Reporter seiner Interviewpartnerin einzureden versuchte, sondern sie gingen, weil die SED ihnen die Lebenschancen genommen hatte.

Während am Vormittag des 13. August vor den Kameras des SFB noch Flüchtlingsfamilien berichteten, wie sie es im letzten Moment durch den Stacheldrahtverhau in den Westen geschafft hatten, höhnte der Chefkommentator des DDR-Rundfunks, Karl Eduard von Schnitzler, über diejenigen, "die nicht mehr durchgekommen sind, sondern zurück in ihre leeren Wohnungen müssen". Er triumphierte: Auch die 53.000 Grenzgänger, die im Ostteil der Stadt lebten, aber im Westen arbeiteten, "werden sich morgen eine anständige Arbeit suchen, bei uns natürlich". Da urteilte der "Telebärchen"-Kolumnist der "Neuen Berliner Illustrierten" (Ost): "Im Gegensatz zu dem hektischen Treiben der Frontstadt-Kameraleute ... verbreitete der Deutsche Fernsehfunk (Ost) ruhige Sachlichkeit." So sprach die Partei.

Der 13. August 1961 war vor allem ein Radio-Tag. Noch waren Live-Übertragungen für das Fernsehen nur mit hohem technischen Aufwand und langer Vorbereitungszeit möglich. So fingen die Radio-Reporter von RIAS und SFB auf ihren schweren Tonbandgeräten den historischen Sound des Tages ein: Das Dröhnen der Pressluftbohrer, mit denen die Pioniere der NVA das Pflaster an der Grenzlinie aufrissen. Die erste Fernsehsendung der ARD mit Bildern und Reportagen über die Ereignisse in Berlin wurde erst nach 22 Uhr ausgestrahlt. Im August 1961 gab es sonntags noch keine "Tagesschau".

Verweis auf Alliierte Aber Gert von Paczensky hatte in einer Sonderausgabe des Magazins "Panorama" schon in die westlichen Hauptstädte geschaltet. Da der Minister für Gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, Bundeskanzler Konrad Adenauer und Willy Brandt, Berlins Regierender Bürgermeister, in ihren Ansprachen fast wortgleich auf die Verantwortung der Alliierten verwiesen hatten, wollte der Moderator von den Korrespondenten wissen, wie die Alliierten reagierten. Doch was Paczensky und seine Zuschauer zu hören bekamen, waren nur Vertröstungen und Urlaubsmeldungen: Der britische Premierminister Harold Macmillan "on holiday", sein Aussenminister in Schottland (wie "Der Spiegel" später meldete: auf Rebhuhn-Jagd), Frankreichs Präsident Charles de Gaulle fern von Paris in seinem Anwesen Colombey-Les-Deux-Églises, sein Aussenminister an der Atlantikküste, aber immerhin habe de Gaulle ihm "seinen Wagen zur Verfügung gestellt, der mit einem Spezialfunk ausgestattet ist", wusste der Korrespondent. Auch der Washingtoner ARD-Mann hatte eine beruhigende Meldung: "Präsident Kennedy ist gelassen, wie es seiner Natur entspricht. Er ist in Maine und genießt einen zweifellos sehr schönen Segeltag."

Wenn es schon keine offiziellen Stellungnahmen aus den Regierungszentralen gab, wie schätzten die Korrespondenten die Stimmung in den westlichen Hauptstädten ein? Da bekam das deutsche Publikum Erstaunliches zu hören: Man erwarte "in 24 Stunden eine Protestnote in Moskau", hieß es aus London. Aus Paris dagegen: "Eine offizielle Stellungnahme des Aussenministerium ist so schnell gar nicht zu erwarten", aber "natürlich hat man sich auch hier schon seit Tagen gefragt, warum unterbindet die Zonenregierung nicht den Flüchtlingsstrom?" Washington meldete: Man sei bei der Beurteilung der Lage im Ton "sehr maßvoll" und vermeide "alles, was die Stimmung in Berlin und der Ostzone aufheizen könnte", denn gäbe es Unruhen, "wie kann Westdeutschland da passiv bleiben? Man käme sehr nahe an eine Kriegsgefahr." Das entsprach der Weisung der amerikanischen Vorgesetzen an die Journalisten des RIAS vom frühen Morgen.

Grenze aus Stein Fünf Tage später, am 18. August, gab Adenauer im Bundestag eine Regierungserklärung ab. RIAS-Reporter Höynck stand wieder am Potsdamer Platz und hörte über Kofferradio gemeinsam mit West-Berliner Grenzbeamten, wie Adenauer prophezeite, das "Selbstbestimmungsrecht" werde "seinen Siegeszug fortsetzen" und "eines Tages werden wir in Frieden vereint sein". Die Bonner Debatte als akustische Kulisse nutzend beschrieb Höynck, wie man vor dem 13. August noch ungehindert von Ost nach West spazieren konnte, aber dass die Volksarmee heute am frühen Morgen begonnen habe, neben dem Stacheldraht eine Mauer über den Platz zu ziehen: "Eine steinerne Grenze."

Die wurde erst 1989 von den DDR-Bürgern niedergerissen. Da war der historische Sound nicht mehr der Lärm der Pressluftbohrer, sondern das friedliche Klicken der Mauerspechte.

Der Autor war in den 1960er Jahren Reporter beim RIAS, später unter anderem Moderator der ZDF-Sendung "Kennzeichen D". Von 1994 bis 2009 leitete Elitz als Gründungsintendant das Deutschlandradio.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag