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Gastkommentare - Pro
Christoph Kapalschinski, "Handelsblatt"
Auf fremden Kosten

Olympia im Größenwahn?

Letzte Meldung: In Tokio sollen sich die Kosten für die Spiele 2020 nach aktuellen Schätzungen versechsfachen - auf knapp 14 Milliarden Euro. Olympia ist ein Synonym für Gigantismus geworden. Doch die Hauptschuld trägt nicht das IOC, sondern die Ausrichterstädte. Spätestens seit Barcelona 1992 sind die Spiele zu Stadtumbau-Programmen verkommen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Hamburgs Olympia-Bewerbung, die 2015 in einem Referendum an kalkulierten 7,2 Milliarden Euro Kosten für den Steuerzahler gescheitert ist. Dort sollte eine Insel im Hafen zum Olympiadorf werden. Vorherige Planungen, die Insel etwa zum Unicampus zu machen, waren stets an den Kosten gescheitert, sie sturmflutsicher auszubauen und Hafenfirmen zu verlagern. Auch diesmal wäre der zu erwartende Erlös aus den Grundstücken viel geringer gewesen als der Aufwand. Das zeigt: Olympia sollte ein Vehikel sein, ein unwirtschaftliches Projekt umzusetzen - mit Olympiageld aus der Bundeskasse.

Nach ähnlichem Muster funktionieren die Olympia-Bewerbungen weltweit. Zugleich erfordert das IOC-Vergabeverfahren, möglichst spektakuläre Pläne zu präsentieren, um mit schönen Bildern Sportfunktionäre zu überzeugen, die sich nebenbei als Städtebau-Amateure betätigen.

So ergibt sich eine unselige Koalition aus Bürgermeistern, die sich aus sonst verschlossenen Kassen Baudenkmäler errichten wollen, und Sportfunktionären, die sich spektakuläre Spiele auf fremde Kosten finanzieren wollen. Durchbrechen ließe sich das nur, wenn die Bewerberstädte nicht mitspielen würden. Doch das ist nur einmal gelungen: 1984 bewarb sich allein Los Angeles - und schaffte es prompt, vorhandene Sportstätten zu nutzen und einen Gewinn auszuweisen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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