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DOPING
Claus Peter Kosfeld
Russischer Mannschaft droht Olympia-Sperre

Wegen systematischer Leistungssteigerung könnte erstmals eine ganze Nation von den Spielen ausgeschlossen werden

Die Sport-Supermacht Russland steht kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio vor einem historischen Debakel. So dürfen die russischen Leichtathleten wegen nachgewiesenen systematischen Dopings bei den am 5. August beginnenden Spielen in Brasilien definitiv nicht an den Start gehen. Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne bestätigte in der vergangenen Woche, dass die zuvor ausgesprochene Suspendierung durch den Weltleichtathletikverband IAAF rechtens ist.

Nun könnte es für die Russen aber noch dicker kommen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wollte bis Dienstag entscheiden, ob wegen der Doping-Vorwürfe die gesamte russische Mannschaft für die Sommerspiele gesperrt wird. Es wäre der erste Ausschluss eines Landes von Olympischen Spielen wegen nachgewiesenen systematischen Dopings (siehe auch Beitrag auf Seite 3). Der Sportgerichtshof wies den Einspruch von 68 russischen Leichtathleten und des Nationalen Olympischen Komitees (ROC) der Russen gegen den Ausschluss der Sportler ab. Der IAAF hatte den russischen Verband bereits am 13. November 2015 wegen umfassenden Dopings suspendiert und die Sperre für internationale Wettkämpfe am 17. Juni über die Spiele in Brasilien hinaus verlängert. Das IOC wollte das CAS-Urteil abwarten und in seine Entscheidungsfindung einbeziehen. Mit dem CAS-Urteil im Rücken habe das IOC "eigentlich keine andere Möglichkeit", als die gesamte russische Olympiamannschaft zu sperren, sagte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop. Das IOC wollte die Entscheidung des CAS jedoch zunächst genau prüfen. "Wir werden jetzt die ganze Urteilsbegründung studieren und analysieren", teilte das IOC direkt nach der Entscheidung mit.

Die Russen reagierten schwer verärgert: "Dieses beispiellose Urteil erniedrigt den gesamten Sport", sagte Sportminister Witali Mutko. Er nannte die Entscheidung politisch motiviert. Das russische Außenministerium sprach sogar von einem "Verbrechen gegen den Sport".

Grundlage für die mit Spannung erwartete Entscheidung des IOC ist aber vor allem der Bericht des kanadischen Anwalts Richard McLaren, der im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) die Anschuldigungen gegen Russland untersucht hatte. Die WADA-Ermittler legten Anfang vergangener Woche in Toronto Belege für staatlich gesteuertes Doping in Russland vor. In dem WADA-Report wird festgehalten, dass auf Anordnung russischer Behörden im Kontrolllabor bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi positive Doping-Proben von russischen Athleten vertauscht und verfälscht wurden. Zwischen 2012 und 2015 sind dem Bericht zufolge 643 positive Proben russischer und ausländischer Sportler in rund 30 Sportarten aussortiert worden. In dem McLaren-Bericht werden 20 der 28 Sommersportarten genannt, in denen es "zumindest einzelne klare Nachweise von Doping" gebe. Das russische Sportministerium habe die Manipulationen an Dopingproben überwacht, sagte McLaren. Auch der russische Geheimdienst sei involviert gewesen. Die 643 Fälle seien "nur ein Minimum", heißt es in dem fast hundert Seiten starken Report, weil den Ermittlern der Zugang zu allen einschlägigen Berichten nicht möglich gewesen sei. IOC-Präsident Thomas Bach sprach anschließend von einem "erschreckenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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