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Ortstermin: Strahlenmessstelle des Landes Berlin
Eva Bräth
Alltag der Strahlenmesser

Die Pilze in dem durchsichtigen Plastikgefäß sollte niemand essen: Im September 1986 wurden sie geerntet, kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Der Mitarbeiter der Strahlenmessstelle Berlin stellt den Behälter in den bleiummantelten Detektor und wartet einige Minuten. "Die Probe stammt aus Bayern, wo damals viel radioaktiver Regen niederging", erklärt der technische Assistent Dominique Pottiez. 18.000 Becqerel Cäsium 137 pro Kilogramm, meldet schließlich das Gerät. "Vor 30 Jahren waren es noch 52.000 Becquerel", sagt Pottiez. Die Radioaktivität hat zwar nachgelassen, dennoch enthalten die Pilze heute noch circa das 15-Fache des zulässigen Grenzwertes. Aktuell dürfen Lebensmittel in der Europäischen Union 1250 Bq/kg nicht überschreiten, für Milch und Babynahrung gelten 400 Bq/kg.

Um zu demonstrieren, wie Grenzwerte überschritten werden, müssen die Mitarbeiter der Strahlenmessstelle auf historische Proben zurückgreifen. Die aktuellen Routineproben liegen sehr deutlich darunter. Dies gilt auch für die "Berliner Gesamtnahrung", die monatlich anhand des Tegeler Gefängnisessens überprüft wird: "Hier sind wir viele Zehnerpotenzen von irgendwelchen relevanten Werten entfernt", sagt Bernd Leps, Leiter der Strahlenmessstelle. Der Höchstwert lag im Juni 2016 bei 0,2 Bq/kg. Auch die Werte für Waldpilze und Wild seien im deutschlandweiten Vergleich niedrig. Denn in Berlin hatte es 1986 erst geregnet, als die radioaktive Wolke schon nach Süddeutschland weitergezogen war.

Jährlich überprüfen die sieben Mitarbeiter des Bereichs Umweltradioaktivität rund 900 Proben nach einem genau festgelegten Plan. Lebensmittel, Trinkwasser, Boden- und Gewässerproben werden ebenso auf ihren Gehalt radioaktiver Stoffe untersucht wie Fichtennadeln, Plankton oder Klärschlamm. In den Labors der Messstelle werden die Proben kleingekocht und regelrecht verbrannt, um im Detektor möglichst wenig zu wiegen.

Neben den Routinemessungen gibt es auch ungewöhnliche Einsätze: So rückte 2003 der U-Bahnhof Rosenthaler Platz ins Visier, weil die orangefarbenen Kacheln uranhaltig sind. "Das war schön!", schwärmt Leps. Die Messstelle sollte die Strahlenbelastung prüfen. Ergebnis: Nur eine Person, die 750 Stunden im Jahr direkten Kontakt mit den Kacheln hätte, wäre eventuell einer unzulässigen Belastung ausgesetzt.

Messverfahren und Grenzwerte sind vom Bundesamt für Strahlenschutz genau vorgegeben, in der Behörde hängt ein "Beprobungsplan" für den Normalmessbetrieb - und einer für den Messbetrieb im "Ereignisfall". Dies war eine Konsequenz aus Tschernobyl. 1986 hat der Bundestag das Strahlenschutzvorsorgegesetz beschlossen und das Integrierte Mess- und Informationssystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS) eingeführt. Die Bundesländer messen im Auftrag des Bundes, im Abstand von 13 Kilometern sind dazu in ganz Deutschland 1800"Ortsdosisleistungs-Sonden" aufgestellt. Die Messergebnisse werden dem Bundesamt für Strahlenschutz übermittelt.

Nach Tschernobyl hatte noch Chaos geherrscht, weil es keine bundeseinheitliche Regelung gab. "Von einem Tag auf den anderen haben Privatleute Lebensmittel, aber auch andere Gegenstände vorbeigebracht", erinnert sich der Physiker Karl-Heinz Steinmetz. Bis zum Jahresende 1986 sei "gnadenlos gemessen" worden, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, im Drei-Schicht-Betrieb. Weil es keine einheitlichen Grenzwerte für Lebensmittel gab, wurde ein Milchlaster einmal durch die ganze Republik geschickt. Denn in Hamburg galten damals 20 Bq pro Liter als Richtwert, in Berlin 100 und in Bayern 500.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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