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Europa
Hans-Christoph Neidlein
Deponie für 100.000 Jahre

Das weltweit erste Atommüll-Endlager liegt in Finnland. Im europäischen Ausland gibt es unterschiedliche Konzepte

In Europa wurden die Genehmigungen für den Bau von Endlagern teilweise schon erteilt.

Frankreich: Mitte Juli hat das französische Parlament einem geplanten nuklearen Endlager im lothringischen Bure nahe der deutschen Grenze die Genehmigung erteilt. In der unterirdischen Deponie sollen bis zu 80.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll aus den 58 französischen Kernreaktoren eingelagert werden. Die geplante Lagerstätte befindet sich in 500 Meter Tiefe in Tongestein, das laut Expertisen für 100.000 Jahre Schutz vor radioaktiver Strahlung bieten soll. Seit zehn Jahren existiert dort bereits ein Untertagelabor der französischen Atommüllagentur ANDRA. Zunächst könnten dort für die nächsten 100 Jahre Stahlbehälter mit dem verstrahlten Inhalt mit einer Haltbarkeit von rund 7.000 Jahren eingelagert werden, so das Konzept. Das Lager soll schrittweise verschlossen und die Schächte mit Abraum verfüllt werden. Wenn technisch bessere Lösungen gefunden werden soll der Abfall auch wieder aus der Erde geholt werden können, sieht das nun verabschiedete Endlagergesetz vor. Ein fünfjähriger Pilotbetrieb könnte im Jahr 2025 starten, ab 2030 könnten dann regulär hochradioaktive Abfälle eingelagert werden. Nun liegt es an der französischen Regierung, das Cigéo genannte Endlager-Projekt in Auftrag zu geben. Die Gesamtkosten des Endlagers werden auf 25 bis 40 Millionen Euro veranschlagt. Kritiker warnen allerdings vor überstürzten Lösungen, weil unter anderem Fragen zu Trinkwasseradern und dem Verhalten des Gesteins noch nicht ausreichend geklärt seien. Anfang dieses Jahres war ein Arbeiter in den Stollen des Untertagelabors durch herabstürzende Gesteinsbrocken getötet worden, ein weiterer wurde schwer verletzt. Kritische Stimmen zu dem Vorhaben kommen auch aus Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Nach den jüngsten Unfällen unter Tage forderte das saarländische Umweltministerium von der französischen Seite "dringend Langzeituntersuchungen zur Stabilität des Gesteins". Gleichzeitig verlangt die saarländische Landesregierung eine Einbeziehung in das atomrechtliche Genehmigungsverfahren. Der vorgesehene Standort befindet sich rund 125 Kilometer südwestlich von Saarbrücken. Bisher plant die französische Regierung nach der erfolgten Zustimmung des Senats und der Nationalversammlung öffentliche Anhörungen und Konsultationsverfahren mit Kommunen und den Atombehörden. Doch scheint Paris es mit der Realisierung des Vorhabens eher eilig zu haben. Ein anderer potentieller Standort wurde in Frankreich bisher nicht erkundet.

Tschechien : In einem Granit-Massiv etwa 500 Meter unter dem Erdboden möchte Tschechien ab dem Jahr 2065 bis zu 9.000 Tonnen hochradioaktiven Atommüll einlagern. Das Endlager soll eine Länge von 76 Kilometern mit 250 Lagerungsbohrungen und einer Kapazität von bis zu 6.000 Containern haben, so die Planungen der staatlichen Verwaltung zur Aufbewahrung von radioaktivem Abfall (SURAO). Sieben mögliche Standorte sollen nun hierzu mit Zustimmung des Prager Umweltministeriums geologisch untersucht werden. Ab 2018 sollen dann zwei Standorte in die "Stichwahl kommen". Bis zum Jahr 2025 soll dann klar sein, wo das Endlager errichtet wird. Der Beginn der entsprechenden Umweltverträglichkeitsprüfung ist für 2045 geplant. Ab 2050 sollen erste Bauarbeiten beginnen. Derzeit wird der radioaktive Müll in Zwischenlagern in den Atomkraftwerken Temelin und Dukovany aufbewahrt. Die tschechische Regierung setzt auf eine Erweiterung der bestehenden Atomkraftwerke und beschloss im Jahr 2015 einen entsprechenden nationalen Aktionsplan.

Finnland: Ende Dezember 2015 gab die finnische Regierung als erste Regierung weltweit grünes Licht für den Bau eines Endlagers. Es liegt auf der Halbinsel Olkiluoto im Südwesten des Landes. 6.500 Tonnen hochradioaktiver Atommüll können dort 450 Meter unter der Erde im Fels deponiert werden. In der Nähe befindet sich auch das Kernkraftwerk Olkiluoto mit derzeit zwei aktiven Siedewasserreaktoren. Seit 2005 wird an gleicher Stelle vom französischen Konzern Areva ein neuer Druckwasserreaktor errichtet, der voraussichtlich 2018 in Betrieb gehen soll. Der anfallende Atommüll kann dann per Schiff in das Endlager geliefert werden, das sich in unmittelbarer Nähe des Meeres befindet. Die Lizenz zum Bau erhielt die finnische Firma Posiva, die auf dem Gelände bereits seit 1992 ein Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle betreibt. Die verbrauchten Brennelemente sollen zunächst in einen kupferummantelten Container gesteckt werden und dann in hunderte von Tunnellöcher geschoben werden. Diese werden in die Felsen gebohrt, jedes ist acht Meter tief. Die Kammern werden anschließend mit der Vulkanasche Bentonit versiegelt. Die Asche enthält ein Mineral, das sofort aufquillt, wenn es in Kontakt mit Wasser kommt.Bis 2023 soll der Bau abgeschlossen sein, bis dahin muss Posiva nochmals die Umweltverträglichkeit überprüfen. 100.000 Jahre lang soll der strahlende Müll eingelagert werden. Danach gilt er als nicht mehr gefährlich. Was aber in dieser langen Zeit bis dahin passieren wird, können auch Experten nicht sagen. Manche warnen davor, dass es im Falle einer neuen Eiszeit auch in den Tiefen des Endlagers Dauerfrost geben und der Fels angehoben werden könnte. Posiva plant, die Container dann an einen anderen Ort bringen zu lassen. Auch könne man den Müll wieder aus dem Lager herausholen, wenn eines Tages ein Weg entwickelt werde, diesen irgendwie zu nutzen, so der Chef der Betreiberfirma Janne Mokka.hcn

Aus Politik und Zeitgeschichte

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