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VERTEIDIGUNG
Alexander Weinlein
Nicht nur eine Frage der Durchschlagskraft

Die Bundeswehr verzichtet auf Uran-Munition. Kritikern gilt sie als Ursache für das Golfkriegssyndrom

Ursula von der Leyen (CDU) hat den Schalter umgelegt. Angesichts der Ukraine-Krise und des sich rapide verschlechternden Verhältnisses der Nato-Staaten zu Russland verkündete sie im vergangenen Jahr ein deutliches Ansteigen des Wehretats in den kommenden Jahren und kippte im gleichen Atemzug die von ihrem Amtsvorgänger Thomas de Maizière (CDU) festgelegten Obergrenzen für Großwaffensysteme der Bundeswehr. Deutlich größer als ursprünglich geplant soll vor allem der Fuhrpark an Panzern ausfallen. So sollen den deutschen Streitkräften mit 325 Leopard-2-Kampfpanzern rund hundert mehr zur Verfügung stehen als ursprünglich anvisiert.

Doch dies werde alles nichts nützen, kritisierte nur wenige Wochen nach der Entscheidung der ehemalige Chef des Planungsstabes im Verteidigungsministerium (1982-1988), Hans Rühle, in einem Gastbeitrag für die Zeitung "Die Welt". Der Grund: Die Leopard-2-Panzer seien zwar "noch immer vorzügliche Waffensysteme", aber den russischen Kampfpanzern T-80 und T90 wegen mangelnder Feuerkraft unterlegen. Denn die von der Bundeswehr eingesetzte "unzulängliche Munition" sei trotz der "noch immer erstklassigen 120-Millimeter-Glattrohrkanone von Rheinmetall" nicht in der Lage, die Front der russischen Panzerung zu durchschlagen. Das Problem sei allerdings bereits seit 30 Jahren bekannt, schrieb Rühle. Offen kritisierte der Verteidigungsexperte die aus seiner Sicht opportunistische Entscheidung der politischen Führung, auf die Beschaffung der deutlich durchschlagskräftigeren Munition aus abgereichertem Uran (DU-Munition) für die Panzertruppe zu verzichten. "In den frühen 80er-Jahren gab die Friedensbewegung den Ton an: Uran galt in Deutschland als Teufelszeug." Dabei sei der Kern der DU-Munition "eine nur minimal strahlende Verbindung von 99,8 Prozent Uran 238 und 0,2 Prozent Uran 235.

Toxische Wirkung Mit keinem Wort hielt es Rühle hingegen für nötig, darauf hinzuweisen, dass DU-Munition im Verdacht steht, krebserregend zu sein und als eine mögliche Ursache für das sogenannte Golfkriegssyndrom gilt, das bei amerikanischen und britischen Soldaten nach den beiden Waffengängen gegen den Irak in den Jahren 1991 und 2003 auftrat. Richtig ist, dass die Radioaktivität von abgereichertem Uran deutlich niedriger ist als die von Natururan. Und es ist ein Alpha-Strahler, dessen Strahlung extrem schädlich, jedoch keine große Reichweite hat. Die eigentliche Gefahr geht jedoch nicht durch äußere Strahlung aus, sondern bei der Aufnahme von uran- oder uranoxidhaltigem Staub über die Atemwege. Zudem entfaltet Uran wie viele andere Schwermetalle eine chemotoxische Wirkung und schädigt den Stoffwechsel der inneren Organe. Solcher Staub kann beim Abschuss der Uranmunition in einem Panzer freigesetzt werden, vor allem aber beim Einschlag des Geschosses auf sein Ziel, der dann durch Wind großflächig verteilt wird.

Einsatz im Irak Während der beiden Kriege gegen den Irak wurden von den Streitkräften der USA und Großbritanniens schätzungsweise mehr als 400.000 Kilogramm Uranmunition verschossen. Aber auch im Kosovo- und im Afghanistan-Krieg wurde sie eingesetzt. Der Irak gilt als das durch DU-Munition am stärksten kontaminierte Land. Größere wissenschaftliche Feldstudien über die Auswirkungen wurden jedoch dadurch erschwert, da die USA sich weigerten, genaue Ortsangaben zu der verschossenen Munition zu machen. Eine Untersuchung in der Provinz Babil südlich von Bagdad ergab jedoch, dass die Zahl der Krebsfälle von 500 im Jahr 2004 auf mehr als 9.000 im Jahr 2009 stieg. Gegner von DU-Munition wie die Organisation Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges machen sie verantwortlich für Krebserkrankungen, Missbildungen und andere Folgeschäden. Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) konnten hingegen widersprachen dem. Aber selbst Experten des US-Atomwaffenwaffenzentrums warnten bereits bei Beginn des Golfkriegs 1991 vor möglichen Gesundheitsgefährdungen durch den Einsatz von DU-Munition.

Deutschland verzichtet bis heute auf den Einsatz von DU-Munition, lehnt gleichzeitig jedoch eine internationale Ächtung mit Rücksichtnahme auf seine Verbündeten ab. In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion (18/6624) im Bundestag teilte die Bundesregierung Ende 2015 mit, ihr lägen keine belastbaren Erkenntnisse über eine gesundheits- oder umweltschädliche Wirkung der bei der Bundeswehr eingesetzten Wolframcarbid-Panzermunition vor.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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