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Lebensmittel Der ganz legale Etikettenschwindel

Irreführende Angaben auf n zerstören das Vertrauen der Verbraucher

29.08.2016
2023-08-30T12:30:06.7200Z
4 Min

Ein Fruchtsaft "Aprikose-Kürbis"? Herr G. aus München griff zu. Beim Blick auf die Zutatenliste gärte es dann allerdings in dem Verbraucher aus Bayern. Was vorn auf der Flasche in saftigstem Orange beworben wurde, machte nur den geringeren Teil ihres Inhalts aus. Genauer: Nicht mehr als 46 Prozent bestanden aus Aprikosen- und Kürbis-Püree. Mehr als die Hälfte dessen, was er als Schummel-Smoothie bezeichnet, setzt sich aus Apfelsaft, Apfelpüree und Orangensaft zusammen. Dafür hatte selbst das Handelsunternehmen keine Worte, aus dessen Regal die Flasche stammt. Rewe schweigt. Bis heute.

Verbraucherportal Der Saft gehört zu den 788 Produkten, die das Verbraucherportal "Lebensmittelklarheit.de" seit 2011 digital angeprangert hat. Das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft finanzierte und bei den Verbraucherzentralen betriebene Portal feierte just sein fünfjähriges Jubiläum. Es ist ein Ventil für Verbraucher, die ihr Vertrauen in die Lebensmittel durch die Industrie beeinträchtigt sehen. Was Gesetzgeber und EU-Richtlinien als zulässig deklarieren, empfinden viele Konsumenten bereits als "Etikettenschwindel". Da gibt es angeblich "ungesüßten Cappuccino" mit einem Zuckeranteil von 50 Prozent an der Gesamtmasse, die verführerische Mozzarella-Pizza, in der weit mehr Edamer als Mozzarella enthalten ist. Oder den Schwarzwälder Schinken, dessen fleischgebendes Schwein in Niedersachsen durch eine Mastanlage hoppelte.

Im Schnitt machen 80.000 Verbraucher pro Monat ihrem Ärger und Misstrauen gegenüber der Lebensmittelindustrie dadurch Luft, dass sie die Seite "Lebensmittelklarheit.de" besuchen. Pro Tag gehen dort im Durchschnitt drei Beschwerden über konkrete Produkte ein, von denen es rund 40 Prozent nach sorgfältiger Prüfung durch Fachredakteure und Juristen auf die Webseite schaffen; dabei bekommen auch die Lebensmittelhersteller regelmäßig die Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. "Wir sehen uns als eine Diskussionsplattform", sagt Projektleiterin Stephanie Wetzel. Zur Pressekonferenz aus Anlass des fünfjährigen Geburtstags schnellten Klickzahlen um 20 Prozent in die Höhe. Die Zahl der Beschwerden wuchs um das Vierfache.

Dass Lebensmittelskandale und der ganz legale Etikettenschwindel das Vertrauen der Verbraucher in die Lebensmittelindustrie grundsätzlich verringern, belegt das Edelman Trust Barometer, eine jährliche Befragung von 33.000 Menschen in 27 Ländern. Danach schwindet das Vertrauen in die Wirtschaft, wie die Deutschland-Chefin Susanne Marell bei der Vorlage der Ergebnisse für 2015 sagte. Eine Mehrheit (72 Prozent) sei der Meinung, dass Unternehmen gleichzeitig ihre Gewinne erhöhen und die wirtschaftlichen und sozialen Lebensumstände verbessern könnten. Marell: "Damit dies gelingen kann, verlangen die Menschen nach mehr Sorgfalt und mehr Transparenz. 57 Prozent der Befragten glauben, Produkte werden nicht ausreichend getestet, bevor sie auf den Markt kommen." Die Edelmann-Chefin Marell fordert: "Unternehmen müssen aktiv zuhören und kommunizieren." Für den Bereich der Lebensmittelindustrie kritisieren Verbraucherschützer, dass irreführende Bezeichnungen an der Tagesordnung seien. So unterlagt das Düsseldorfer Unternehmen Teekanne im vergangenen Dezember vor den Bundesgerichtshof, weil ihre Aufguss-Mischung "Felix Himbeer-Vanille-Abenteuer" auf der Verpackung zwar die Früchte groß zeigte und in einem Satz "nur natürliche Zutaten" auslobte, tatsächlich aber sowohl Himbeere als auch Vanille lediglich in Form industrieller Aromen vorhanden waren.

Wenig vertrauensbildend ist, was Politik und Industrie für den Bereich von Joghurt als zulässig miteinander ausgehandelt haben. Danach müssen laut den Verbraucherschützern in "Fruchtjoghurt" lediglich sechs Prozent Früchte enthalten sein. Ein Kilogramm Erdbeeren reicht für 110 Joghurtbecher zu 150 Gramm. Handelt es sich um "Joghurt mit Fruchtzubereitung" sinkt der Fruchtanteil auf 3,5 Prozent. Das Kilo Erdbeeren ergibt dann knapp 200 Becher. In "Joghurt mit Fruchtgeschmack" muss keine einzige echte Erdbeere enthalten sein, künstliche Aromastoffe reichen.

"Weil viele das schlicht nicht wissen, wollen wir den Interessen der Verbraucher bei der Wirtschaft und der Politik Gehör verschaffen", sagt ein Sprecher der Initiative Foodwatch. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind der Einsatz gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA, die Kritik an viel zu süßen, zu fettigen und mit künstlichen Aromastoffen angereicherten Kindernahrungsmitteln und Mineralölspuren in Lebensmitteln. Foodwatch-Chef Thilo Bode hatte vor kurzem die eigene Erfolglosigkeit im Kampf um Verbraucherrechte beklagt. "Damit war gemeint, dass es manchmal sehr lange braucht, um vergleichsweise geringe Veränderungen und Einsichten zu bewirken", erläutert sein Pressesprecher.

Geänderte Verpackungen Ähnliche Erfahrungen hat das Team von "Lebensklarheit.de" gemacht. Die Zahl der Beschwerden nimmt nicht ab. Zugleich aber stellten die Verbraucherschützer im Rahmen einer Nachschau fest, dass immerhin bei der Hälfte der 2014 von ihnen kritisierten Produkte die Verpackungen geändert und irreführende Wörter oder Bilder ausgetauscht wurden. Künftig wollen sie sich zusätzlich mit dem Bereich der nachhaltigen Herstellung von Lebensmitteln intensiver befassen als bisher.

Dabei sollen Fragen beantwortet werden wie "Woher kommen die Zutaten?" oder "Wurden die Lebensmittel zu fairen Bedingungen hergestellt?" Laut dem Ernährungsreport 2016 aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zeigten sich 79 Prozent der Deutschen zufrieden mit der Qualität der Lebensmittel. Jedoch sprachen weniger als ein Drittel - 29 Prozent - der Lebensmittelindustrie ihr Vertrauen aus.

Der Autor ist freier Journalist in Düsseldorf.