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CHINA Weg von der Billigproduktion

Wie die Wirtschaftsmacht versucht, auf dem Weltmarkt Vertrauen für ihre Produkte zu gewinnen

29.08.2016
2023-08-30T12:30:06.7200Z
3 Min

Es war wieder einmal so weit. Im August kündigte die Shanghai Electric Group an, den deutschen Flugzeugbau-Zulieferer Broetje-Automation GmbH (BAW) für 170 Millionen Euro zu übernehmen. BAW liefert Komponenten ebenso wie Systemlösungen; zu den Kunden gehören die Branchenriesen Airbus und Boeing. Shanghai Electric erhofft sich von der Übernahme mehr Expertise sowie internationale Absatzkanäle. Automatisierung sei eines der wichtigsten Ziele seines Konzerns, sagte Shanghai Electric-Präsident Huang Dinan gegenüber Investoren. Kurz davor hatte er bereits den Maschinenbauer Manz AG übernommen, ein führendes Unternehmen im Bereich automatisierte Produktion.

Solche Übernahmen werden im Westen oftmals skeptisch betrachtet. Für Chinas Unternehmen indes sind sie ein Weg, langfristig Vertrauen für ihre Produkte zu gewinnen. "Die meisten chinesischen Unternehmen sind bei Produktions- und Verarbeitungsqualität noch nicht ganz auf dem westlichen Standard", sagt Thomas Heck, Leiter der China Business Group bei der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers. "Zukäufe geben den Firmen Zugang zu Produktionsmethoden, die ihren eigenen derzeit noch überlegen sind." Die eingekaufte Marke wird dabei meist erhalten. Das chinesische Baumaschinenunternehmen Sany etwa führt die deutsche Marke Putzmeister für Betonpumpen seit der Übernahme weiter.

Wenn Chinas Unternehmen von westlichen Technologien lernen, entwickeln sie diese oftmals selbst weiter, erklärt Heck. Das daraus entstandene Produkt bieten manche dann auf dem Weltmarkt an. China kaufte zum Beispiel Hochgeschwindigkeitszüge aus Japan, Deutschland und Frankreich und kombinierte deren Technik beim Aufbau einer eigenen Schnellzugproduktion. Heute bietet das Land weltweit mit um Projekte. Firmen, die auf lizenzierte Technologie plus eigene Innovation setzen, haben damit auch in Europa durchaus Erfolg - wie etwa Huawei oder Oppo mit ihren Smartphones. Dieser im Westen gern kritisierte Ansatz brachte zuvor auch Länder wie Japan oder Südkorea voran - und vor 150 Jahren auch Deutschland, das damals vieles von britischer Technologie lernte.

Technologie ist Kern der "Made in China 2025"-Strategie zur Aufwertung der heimischen Produktion: Mehr Hightech, mehr Innovation, mehr Qualität. Strategische Sektoren werden gefördert, wie etwa die Automobilindustrie oder Erneuerbare Energien. China will weg von der Billigproduktion und dem miesen Image: Made in China ist im Westen in Verruf geraten - viele Produkte seien qualitativ schlecht, enthalten giftige Stoffe und werden zu miesen Bedingungen gefertigt, so das Klischee. Und wie jedes Klischee hat auch dieses einen wahren Kern. Elektronik- oder Lederfabriken haben viele Flüsse in Südchina vergiftet, manche Spielzeuge enthielten Weichmacher. Allerdings verschärft die Regierung seit Jahren die Gesetze. "Bei den Themen Umwelt und Soziales gibt es durchaus Fortschritte - vor allem für neue Investitionsprojekte", sagt Heck. Zum Beispiel dürfe heute keine Chemiefabrik außerhalb eigens angelegter Chemieparks mit strengen Umweltauflagen gebaut werden. Neue Gesetze zu Arbeitszeiten und Verträgen nähern sich ebenfalls westlichen Standards.

Überkapazitäten Unklar ist allerdings, wie gut die strengen Gesetze auch durchgedrückt werden. Auch der Rückbau alter, dreckiger Schwerindustriebetriebe - die Chinas Image schaden - gelingt nicht. "China hat den in der letzten Dekade begonnenen Abbau von Überkapazitäten nicht durchgehalten", sagt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. Die Europäische Union wirft China vor, Stahl aus solchen Überkapazitäten zu Dumpingpreisen zu exportieren und zögert, China den Status einer Marktwirtschaft zu gewähren. Es bleibt viel zu tun.

 

Die Autorin berichtet als freie Journalistin in Peking.