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HABITAT III
Dagmar Dehmer
Der große Umzug in die Städt

Die Weltgemeinschaft will sich in Quito den Herausforderungen der Urbanisierung stellen

Quito erwartet 40.000 Teilnehmer. Die Hauptstadt Ecuadors hat etwa 2,2 Millionen Einwohner - da werden die Besuchermassen aus aller Welt schon auffallen. Sie reisen vom 17. bis 20. Oktober zur dritten Welt-Siedlungskonferenz (UN-Habitat III) an. Nur alle 20 Jahre stehen die Städte der Welt im Mittelpunkt der globalen Debatte. 1976 fand die erste UN-Habitat-Konferenz im kanadischen Vancouver statt, 1996 folgte der Gipfel in Istanbul. Bei beiden Gipfeln ging es vor allem darum, die unzumutbaren Lebensbedingungen in den Slums der Welt zu verbessern.

Der Erfolg ist überschaubar. Heute leben rund 850 Millionen Menschen in informellen Siedlungen ohne sauberes Wasser, Sanitärversorgung und Strom. Daran hat weder das UN-Habitat-Programm, das seinen Sitz in Nairobi hat, noch die Städte-Initiative "Städte ohne Slums", die beide auch aus dem deutschen Entwicklungsetat finanziert werden, etwas ändern können.

Trotz der miesen Bedingungen in den Slums streben jedes Jahr Millionen Menschen weiterhin in die Städte. Die Lebensbedingungen auf dem Land sind in vielen Ländern noch schlechter als in den überfüllten Städten. Arbeit gibt es, wenn überhaupt, oft nur dort. Bis 2050 rechnet die UN damit, dass mehr als 70 Prozent der Menschen in Städten leben werden.

Dieses Verhältnis ist in Europa bereits erreicht. Allerdings drängen sich die Europäer überwiegend nicht in den Megastädten, sondern leben oft in mittelgroßen oder Kleinstädten. Von London, Paris, Rom und Berlin abgesehen, sind die meisten europäischen Großstädte relativ überschaubar geblieben. Das ist in den rasant wachsenden Städten in Schwellenländern oder Entwicklungsländern ganz anders. Sao Paulo in Brasilien beispielsweise überschritt die Millionen-Einwohner-Schwelle schon 1934, im Jahr 1960 waren es schon 3,6 Millionen Einwohner, im Jahr 2000 wuchs Sao Paulo über die 10-Millionen-Einwohner-Schwelle hinweg. Aktuell sind es mindestens zwölf Millionen Einwohner, die gesamte Metropolregion ist auf 21 Millionen Einwohner gewachsen. "In den Städten wird die Schlacht um eine nachhaltige Entwicklung gewonnen - oder verloren", schrieb die Expertenkommission, die UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zur Erarbeitung der neuen globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) eingesetzt hatte, in ihrem Abschlussbericht.

Diese Einschätzung teilen auch die Regierungsberater vom Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderung (WBGU), die im Vorfeld der UN-Habitat-Konferenz einen umfassenden Bericht (18/9590) zur Urbanisierung vorgelegt haben: "Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte." Der Ressourcenverbrauch für den Aufbau dieser Megastädte ist so hoch, dass damit bereits das Emissionsbudget zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels aufgebraucht wäre, sagte Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) bei der Vorstellung der Studie. Beim Pariser Klimagipfel hat sich die Welt verpflichtet, die globale Erwärmung im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung unter zwei Grad, besser noch unter 1,5 Grad zu halten. Messner spricht dabei nur vom Baumaterial, das gebraucht würde, um die Infrastruktur dieser schnell wachsenden Städte aufzubauen. Der Verkehr, der dabei entsteht, ist nicht eingerechnet.

Alle sind sich schon vor dem Gipfel einig, dass die "Neue urbane Agenda", die in Quito verabschiedet werden soll, zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele und des Paris-Abkommens beitragen soll. Das hatten das Entwicklungs- und das Bauministerium in ihrer gemeinsamen Position zum Habitat-III-Gipfel ausgeführt, und auch der Europäische Rat hat diese Verbindung hergestellt. Darüber gibt es global keinen Streit. Das am 10. September vorgelegte 23-seitige vorläufige Abschlussdokument stellt diese Forderung ebenfalls auf. Doch wer die Verbesserung der Lebensbedingungen insbesondere der Armen in den Städten finanzieren soll, bleibt im Unklaren. Niemand will sich auf neue Finanzzusagen einlassen, in einer Zeit, in der Millionen Flüchtlinge umherirren, versorgt werden müssen und niemand weiß, welcher Krieg oder welche Naturkatastrophe die nächste Wanderungsbewegung auslöst. Außerdem geht es einen Monat später beim Weltklimagipfel in Marrakesch schon wieder ums Geld.

Im Grundsätzlichen ist das Abschlussdokument aber durchaus klar. Das SDG 11, das verlangt, Städte und menschliche Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig zu gestalten, steht dabei im Mittelpunkt. Kulturelle Vielfalt wird als "Bereicherung der Menschheit" gesehen. Und das Bekenntnis, dass jeder Mensch "gleiche Rechte" haben sollte, und auch das Recht auf eine Wohnung umgesetzt werden müsse, hat es ebenfalls in das Dokument geschafft.

Weg zum Ziel Wie das Ziel, "niemanden zurückzulassen", erreicht werden soll, ist dem Abschlussdokument jedoch nicht zu entnehmen. Ban Ki Moon übersetzt die globalen Nachhaltigkeitsziele seit dem Beschluss über die 17 SDGs mit dieser Formel, niemand dürfe zurückgelassen werden. Und prinzipiell hat da auch niemand etwas dagegen. Die Realität insbesondere armer Stadtbewohner sieht aber anders aus. Shivani Chaudhry, Geschäftsführerin des Housing and Land Rights Network (HLRN) in Neu-Delhi, kritisierte vor kurzem bei einer Vorbereitungskonferenz der Heinrich-Böll-Stiftung, dass die "Neue urbane Agenda" die Menschenrechte nicht in den Mittelpunkt stelle. Was damit gemeint ist, könnten beispielsweise die Bewohner einer Armensiedlung in Lagos beantworten. Die nigerianische Megacity am Golf von Guinea ist - wie viele Städte in Afrika und Asien - in kurzer Zeit um ein Mehrfaches gewachsen. Die städtische Infrastruktur ist diesem Wachstum aber nicht gewachsen. Die Straßen sind immer verstopft. Der Stau kann sich über viele Stunden ziehen. Und außer Bussen, immerhin mit einer eigenen Busspur, gibt es bisher noch kein öffentliches Nahverkehrsnetz. In Lagos wird überall gebaut. Oft an Orten, wo kurz vorher noch eine Armensiedlung stand. Dass die Stelzensiedlung in der Lagune von Lagos, Makoko, noch nicht komplett verschwunden ist, verdankt sich den Protesten der Bewohner, denen sich aber auch andere Einwohner von Lagos angeschlossen haben. In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, sind in den vergangenen zehn Jahren viele neue Straßen gebaut worden. Die Siedlungen, die diesen Bauprojekten im Weg standen, sind oft ohne Ankündigung mit Bulldozern platt gemacht worden. Von einer Stadt, in der alle Menschen "die gleichen Rechte haben", wie es die Quito-Erklärung fordert, ist nicht nur Nairobi weit entfernt.

Shivani Chaudhry hat aber noch ein anderes Problem mit der "Neuen urbanen Agenda": Die Landbewohner, aktuell immer noch etwa die Hälfte der Menschheit, kommt in dem Dokument gar nicht mehr vor. In den "Berliner Empfehlungen", die beim deutschen Habitat-Forum in Berlin Anfang Juni erarbeitet worden sind, ist wenigstens die Verbindung zwischen Stadt und Land thematisiert: "Städte sind mit komplexen Herausforderungen konfrontiert und zunehmend eng mit Stadtrand- und ländlichen Gebieten verbunden." Zudem wird betont, dass diese Verbindung zwischen Stadt und Land zur Ernährungssicherheit beitrage. Womöglich wird eine solche Passage am Ende von Habitat III noch ins Abschlussdokument aufgenommen. Doch was die Staaten und Städte mit dem Dokument dann anfangen, bleibt weitgehend ihnen überlassen. Lediglich, dass der UN-Generalsekretär 2026 einen Umsetzungsbericht vorlegen soll, ist in der "Neuen urbanen Agenda" schon einmal vorgesehen.

Die Autorin ist Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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