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Megacities
Klaus Ehringfeld
Täglich sammeln sich 12.000 Tonnen Müll

Chaotischer Straßenverkehr, knappes Wasser und sich türmender Abfall stellen den Ballungsraum Mexiko-Stadt vor große Probleme. Lösungen fehlen meist

Jeden Abend das gleiche Bild in vielen Vierteln von Mexiko-Stadt: An den Straßenecken türmt sich der Müll meterhoch. Plastiktüten, Tetra-Packs, Flaschen einfach auf einen Haufen geworfen. Zum Beispiel im hippen Stadtteil Roma: "Hier hat sich ein informeller Müllabladeplatz gebildet", sagt ein Anwohner genervt. An den Wochenenden türmt sich der Abfall mitunter so hoch, dass es auf dem Bürgersteig kein Durchkommen mehr gibt. Abgeholt wird der Müll erst am nächsten Morgen.

Das Konzept gelber, brauner oder blauer Tonnen ist in Mexiko-Stadt unbekannt. Nur einer von 20 Einwohnern trennt seinen Müll. Aber auch dann stellt sich die Frage: Wohin mit dem recyclebaren Abfall? Entweder übernehmen das wie immer die Altpapier- und Blechsammler, die ankaufen oder alles Verwertbare nachts aus den Abfalltüten auf der Straße fischen, bevor morgens die Müllabfuhr kommt. Oder man übergibt den verwertbaren Müll der Stadt und tauscht ihn gegen Obst und Gemüse ein. Seit vier Jahren bietet die Stadt diesen Tauschmarkt an. Jeden Monat nehmen rund 2.500 Bewohner daran teil.

Mexiko-Stadt - das sind 12.000 Tonnen Abfall täglich, etwa ein Fünftel des Müll des ganzen Landes. Das heißt: Jeder Einwohner der Megacity produziert nach Angaben des Staatlichen Statistikamtes Inegi 1,4 Kilo Müll. Davon werden immerhin 86 Prozent auf Müllkippen gebracht. Aber die restlichen 14 Prozent werden einfach auf die Straße geworfen, in Gullis gesteckt, auf leeren Grundstücken verklappt oder in Abhänge hinuntergeschmissen.

Müll, Wasser, Luft - das ist der problematische Dreiklang der lateinamerikanischen Megametropole. Und es gibt kaum nachhaltige oder integrale Lösungsansätze. Verbessert wird, wenn die Not groß ist. Aber es fehlt der visionäre Blick.

Schlechte Luft Am größten sind die Fortschritte noch beim Versuch, die Luftqualität zu verbessern. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sterben in der Hauptstadt des einwohnerstärksten spanischsprachigen Landes jährlich 20.000 Menschen mittelbar an den Folgen der schlechten Luft.

Mexiko-Stadt liegt auf gut 2200 Meter Höhe und ist an drei Seiten von Bergen umgeben. Wenn sich dann wie in diesem Frühling und Frühsommer sehr hohe Sonneneinstrahlung, wenig Winde und Trockenheit summieren, explodieren die Feinstaub- und Ozonwerte. In der Folge legte die Umweltkommission mehrfach 40 Prozent der rund fünf Millionen Autos der Stadt für einen Tag still. Man kann dann für einen Moment wieder freier atmen. Aber der ineffiziente öffentliche und private Nahverkehr kollabiert - und kaum ist die Luft einen Tick besser, geht das Ganze wieder von vorne los.

In Mexico-City fällt den Stadt- und Verkehrsplanern das Umdenken schwer. Drei Viertel des städtischen Verkehrsbudgets fließt noch immer in Ausbau und Erhalt des Straßennetzes. Noch vor wenigen Jahren hielt die Stadtregierung es sogar für fortschrittlich, die Stadtautobahnen teilweise mit zweiten Stockwerken zu versehen.

Neues Schnellbussystem Dabei hat sich in den vergangenen Jahren schon eine Menge zum Besseren gewandelt: Das U-Bahnnetz wird ausgebaut. Ein Schnellbus-System lässt auf eigenen Spuren den Verkehr links liegen. Und ein Leihfahrradsystem schafft Entlastung auf den kurzen Wegen. Aber die Stadt ist zu groß, die Probleme sind zu komplex und wurden zudem zu lange verdrängt, als dass schnell ein nachhaltiger Wandel möglich wäre.

Auch bei der Wasserversorgung sind die Probleme größer als die Lösungen. Experten von der Nationalen Autonomen Universität in Mexiko-Stadt (Unam) gehen davon aus, dass die Hälfte der Haushalte nur sporadisch mit Wasser versorgt wird. Rund 1,3 der knapp 21 Millionen Menschen im Großraum Mexiko-Stadt leben ganz ohne Zugang zu fließendem Wasser.

In Mexiko-Stadt fokussieren sich wie unter einem Brennglas die Wasserprobleme einer Megalopolis: Zu viele Menschen, lecke Leitungen, kaputte Pumpen, schlechte Qualität des Wassers und ein Staat, der kaum nachhaltige Lösungen für das Problem hat. Zudem erschweren in Mexiko-Stadt geografische Nachteile die Wasserversorgung. Die Metropole liegt fernab jeden Wassers und zudem in großer Höhe. Der Durst der Metropole sprengt außerdem schon längst den Rahmen. Knapp 300 Liter Wasser verbraucht jeder der 22 Millionen Bewohner durchschnittlich pro Tag. Das ist gut doppelt so viel wie in Deutschland. Bewusstsein für die knappe Ressource gibt es kaum. Zentrales Problem aber bleibt die Verbesserung der Infrastruktur: Der Austausch der lecken Bleirohre unter dem Asphalt durch solche aus Polyethylen kommt nur schleppend voran. Helfen könnte der Bau von Kläranlagen, nur knapp 15 Prozent der Abwässer werden in Mexiko aufbereitet. Zudem müssten die Wasserpreise steigen, der Pro-Kopf-Konsum reduziert und das Regenwasser besser genutzt werden.

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus Lateinamerika.

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