Inhalt

Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Zu den meinungsstärksten arabischen Journalisten gehört der in London lebende Palästinenser Abdel Bari Atwan. Bekannt wurde er mit einem Interview, das er mit Osama bin Laden in Tora Bora führte. In seinem gut strukturierten, empfehlenswerten Buch über die geheime Macht des "Islamischen Staates" vermittelt er einen detailreichen Einblick in dessen Institutionen.

Atwan spricht eine deutliche Warnung aus: Eine konventionelle, asymmetrische Kriegsführung werde den IS nicht vernichten, selbst wenn der Westen zusammen mit einer "Islamischen Koalition" unter Führung Saudi-Arabiens Bodentruppen in die Region entsende. Auf diese Weise werde nur der Wunsch des IS nach einem langen Guerillakrieg bedient. Um künftige Terroranschläge zu verhindern, müsse man daher mit dem Islamischen Staat das Gespräch suchen und in Verhandlungen eintreten, rät der erfahrene Beobachter. So bestehe zumindest die Chance, mäßigend auf die "strengen Ideologen" einzuwirken. Ansonsten "werden wir die jetzige Phase schier endloser Kriege nicht überwinden".

Zu den wichtigsten Kapiteln des Buches gehören die Beschreibungen der digitalen Propaganda und des Cyber-Krieges, den der IS in Europa und in den USA mit einigem Erfolg führt. Dies beweist nicht nur die Zahl der rekrutierten jungen muslimischen Frauen und Männer, die sich immer noch nach Syrien in den Dschihad aufmachen, sondern auch die blutigen Terrorakte, die in Frankreich, Belgien und Deutschland verübt wurden. Zumeist hatten sich die Attentäter zunächst im Internet radikalisiert, bevor sie als IS-Anhänger mordeten.

Es sei geradezu paradox, schreibt Atwan, dass sich ausgerechnet der IS, der die Wiederherstellung des mittelalterlichen "wahren Kalifats" anstrebe, der modernsten Kommunikationsmittel bediene und die sozialen Medien als Kriegsschauplatz instrumentalisiere. Das "Digitale Kalifat" sei längst eine reale und gefährliche Macht, die Millionen junger Muslime verspreche, ihnen ihre "wahre Identität" zurückzugeben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag