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Parlamentarisches Profil
Franz Ludwig Averdunk
Der Musikwissenschaftler: Thomas Feist

Ein nachdrückliches "Sie hören von uns" bekam Thomas Feist in Leipzig zu hören, als er bei einer Vorladung dabei blieb: Den Wehrdienst verweigere er. Das war im September 1989. Danach hörte er nichts mehr. Zwei Monate später siegte die friedliche Revolution in der DDR. Es kam die Deutsche Einheit: Auch ein gutes Vierteljahrhundert danach, nach Euphorie, Ernüchterung und nach inzwischen eingekehrtem Realismus rät der heute 51 Jahre alte CDU-Bundestagsabgeordnete Feist seinen Mitbürgern in den neuen Ländern dazu, sich "immer bewusst zu bleiben, wo wir stünden, wenn es die Deutsche Einheit nicht gäbe".

Mit erfrischender Ironie spricht er von der "schönsten DDR, die es ja gab" - damals, als er jung war. Im Vergleich dazu hätten die jungen Leute heute alle Chancen zur persönlichen und beruflichen Entwicklung. Nicht zuletzt aus eigenem Erleben fügt er hinzu: "Das besonders Schöne daran ist, dass es nicht darum geht, ob man sich zu einem System bekennt, sondern dass man seinen eigenen Neigungen und Begabungen folgen kann - unabhängig von einem Bekenntnis zum Staat."

Weil Feist nicht in der FDJ war, war ihm der Weg zum Abitur versperrt. Er arbeitete bis 1993 als Betriebshandwerker an der Universität Leipzig, studierte dann Musikwissenschaft, Soziologie und Theologie, promovierte über "Musik und Kultur". 2009 und 2013 gewann er seinen Leipziger Wahlkreis direkt für die CDU. Er sitzt im Bildungsausschuss.

Er erinnert an "Abstruses": "Als wir 16, 17, 18 waren, haben wir uns überlegt, wie schön es ist, wenn wir Rentner sein würden, weil wir dann überall hin reisen könnten." Die Einheit machte es dann möglich: "Eine ganz tolle Sache ist, dass den jungen Menschen die Welt offen steht." Aber steht Sachsen auch für die Welt offen - für Flüchtlinge etwa? Einerseits verweist er darauf: "Vor 25 Jahren haben die Leute ein Geschenk bekommen: die Deutsche Einheit und die richtige Währung dazu." Und jetzt, jetzt kämen "andere, bei denen man womöglich denkt, die wollen nun auch was haben". Die Sorge vieler Bürger: "Vielleicht muss ich von dem, was ich geschenkt bekommen habe, etwas abgeben." Nicht dass die Mehrheit so denke, aber: "Das sind diffuse Ängste, mit denen Populisten spielen."

Wobei sich das Stichwort AfD aufdrängt - was Feist, was zunächst verblüffen mag, nicht ohne Stolz auf die Wendezeit zurückblicken lässt: Eine "Stärke der friedlichen Revolution in Leipzig" sei es gewesen, bei der "Diskussion, wie denn unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen soll, niemanden von vornherein auszugrenzen". Das heiße für heute: "Man darf jetzt nicht wie so ein Oberpädagoge kommen und den Leuten erzählen, wie der Hase läuft." Stattdessen müsse "man die Ängste und Befürchtungen aufnehmen, nicht den Leuten nach dem Mund reden." Denn: "Solcher Populismus hat mit Politik nichts zu tun."

Vorher noch die Frage: Warum immer Sachsen? Bei rechtsextremistischen Taten? Spitz erwidert Feist: "Das mag zum einem damit zusammenhängen, dass von den Vorfällen im Westen zu wenig bekannt wird - statistisch gesehen gibt es dort wesentlich mehr Vorfälle als in den neuen Bundesländern." Er habe "manchmal den Eindruck, dass die Medienerzählungen vom fernen Osten und dem unbekannten Land so attraktiv sind, dass man immer dieselbe Geschichte erzählen will." Und na klar: "Man findet natürlich, je mehr man hinschaut, immer auch das, was man sucht." Freilich sei auch "Fakt, dass in Sachsen im Gegensatz zu anderen Bundesländern ein Großteil gerade der rechtsextremistischen Straftaten aufgeklärt worden ist".

Nun spricht der soeben vorgelegte Bericht zum Stand der Deutschen Einheit davon, dass der Tourismus unter der rechten Szene in Sachsen leide. Feist: "Ich habe das in Leipzig nicht erlebt." Warum, fragt er, würden sonst immer mehr Hotels gebaut. Die Leute seien weltoffen und hilfsbereit.

Bleibt das Erstaunen, warum Feist es "im Prinzip gut" findet, dass es die AfD gibt. "Es ist Ausdruck einer starken Demokratie, dass sich Leute zu einer Partei zusammenschließen können, dass diese in freien und geheimen Wahlen auch gute Ergebnisse einfahren kann." Feist: "Ob mir das gefällt, vor allem die Inhalte, steht auf einem ganz anderen Blatt." Indes: "Das ist ein Zeichen unserer starken Demokratie und damit ein Teil des Geschenks, das wir in Ostdeutschland bekommen, teilweise auch selbst erkämpft haben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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