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VW-Ausschuss
Stefan Uhlmann
Kein Verdacht

Illegale Software nicht gefunden

Als Martin Schmied am 1. September 2015 seinen Job antrat, ahnte er wohl nicht, dass er bald ein gefragter Interviewpartner und Zeuge im Bundestag sein würde. An jenem Tag startete Schmied im Umweltbundesamt (UBA) als Abteilungsleiter Verkehr, Lärm und Raumentwicklung. Keine drei Wochen später nahm die VW-Dieselaffäre ihren Lauf. Am Donnerstag stand Schmied dem Untersuchungsausschuss des Parlaments Rede und Antwort, ebenso wie der Abteilungsleiter Fahrzeugtechnik der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), André Seeck, und dessen Mitarbeiter Jost Gail.

Obwohl beide Behörden, die eine dem Umwelt-, die andere dem Verkehrsministerium zugeordnet, eigene Abgasmessungen vornahmen, schöpften sie keinen Verdacht auf illegale Software, die bei bestimmten VW-Motoren die Abgasnachbehandlung abschaltete, wenn sich das Auto nicht auf dem Prüfstand befand. Im Schnitt aller eigenen Messungen seien vierfach erhöhte Werte an Stickoxiden festgestellt worden, sagte Schmied. Man könne daraus aber nicht auf Manipulationen schließen, sondern habe dies für technisch erklärbar gehalten.

Für die Zulassung neuer Fahrzeugtypen ist bislang der Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ) maßgebend. Doch der gilt schon lange als realistätsfern. Behörden und Organisationen setzen daher auf weitere Untersuchungen. Der ADAC hat seinen Ecotest, UBA und BASt ermittelten in Feldüberwachungen, ob gebrauchte Autos die Grenzwerte noch einhalten. Das Umweltbundesamt lässt zudem weitere Tests durchführen, um Realemissionen zu erhalten. "Wir müssen ein realistisches Abbild der Emissionen des Pkw-Verkehrs wiedergeben", betonte Schmied. Das Amt braucht Umweltdaten für das europaweite "Handbuch Emissionsfaktoren des Straßenverkehrs", ein seit 1995 existierendes Datenwerk, aus dem auch Kommunen Maßnahmen ableiten. Die aktuelle Version ist zwei Jahre alt, Schmied drängt auf eine rasche Aktualisierung, weil im Zuge der VW-Affäre massenhaft Messdaten von Autos der neuen Norm Euro-6 erhoben wurden.

Die BASt hatte ebenfalls Grenzwertüberschreitungen bei VW-Fahrzeugen festgestellt und den Hersteller um Stellungnahme gebeten. Die Reaktion von VW beschrieb BASt-Mitarbeiter Gail als zögerlich. Seeck zufolge waren die Werte nach Ausweitung der Stichproben aber nicht mehr auffällig. Auch habe man als Forschungsanstalt weniger mit der Einhaltung von Vorschriften zu tun, als vielmehr mit der Entwicklung neuer Vorgaben. So war die BASt an der Erarbeitung des realitätsnäheren Weltzyklus WLTP und der Straßentests RDE beteiligt, die 2017 in Kraft treten sollen. Die Entwicklung ist offenbar eine Mammutaufgabe. "Eine Dekade ist hier eine Maßeinheit", sagte Seeck.

Nach drei Anhörungstagen mit 17 Sachverständigen und Zeugen bleibt festzuhalten, dass weder Motorenexperten noch Behörden von der illegalen VW-Software geahnt haben wollen. Gleichwohl war einigen Fachleuten bekannt, dass die Hersteller die Regeln für die Abgastests ausreizen und plädieren für strengere Maßnahmen bei der Abgasgesetzgebung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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