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Agrarstruktur
Kristina Pezzei
Erfolgsgenossen aus dem Osten

Aus den ehemaligen LPG der DDR sind effiziente und renditeträchtige landwirtschaftliche Betriebe geworden. Ihre Größe ist einer der Schlüssel zum Erfolg

Es ist eine der wenigen und wesentlichen ökonomischen Erfolgsgeschichten des Ostens: Die Entwicklung der Landwirtschaft seit der Wende. Maßgeblich verantwortlich dafür waren die Betriebszuschnitte der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Durch ihre Größe haben sie sich gegenüber häufig kleineren Strukturen und Flächenbetrieben im Westen einen Wettbewerbsvorteil verschafft - bei allen Schatten, die die Umstrukturierung warf. "In der heutigen Präzisionslandwirtschaft können diese Betriebe mit hoher Produktivität und Rentabilität bei gleichzeitigen Kostensparmaßnahmen punkten", bilanziert der stellvertetenden Geschäftsführer des Instituts für Agrar- und Stadtökologische Projekte an der Humboldt-Universität Berlin, Andreas Muskolus.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg auf politischen Druck hin entstandenen LPG hatten die Agrarstruktur in der DDR dominiert; Kleinbauern und Familienbetriebe gab es nicht. Vor 1989 kämpften diese Betriebe dabei mit den gleichen Schwierigkeiten wie andere DDR-Wirtschaftsbranchen: Sie hinkten technologisch hinterher, waren wenig produktiv und belasteten die Umwelt.

So arbeiteten bei der Agrargesellschaft Rhinmilch GmbH im Havelland früher 500 Menschen, heute sind es 85 - bei höherer Produktivität. "Das waren natürlich enorme Umstellungsprobleme", sagt Geschäftsführer Hellmuth Riestock, und er kennt auch den Preis der Konzernerneuerung: Wie überall im Osten standen viele Arbeitskräfte quasi über Nacht auf der Straße. Anders als etwa Industriearbeiter oder Handwerker wurden Landwirtschaftskräfte allerdings kaum im Westen gebraucht; es ist einer der Gründe für die strukturelle Arbeitslosigkeit auf dem Land zwischen Mecklenburg und Sachsen.

Der Agraringenieur und gelernte Rinderzüchter Riestock arbeitet seit 1966 bei dem Betrieb und hat ihn durch die turbulenten Wendejahre begleitet. Die Rhinmilch GmbH konzentriert sich mittlerweile auf etwa 4.000 Hektar auf Tierproduktion mit 5.000 Rindern, auf Pflanzenproduktion mit Ackerbau und Grünlandwirtschaft sowie mit Biogasanlagen auf Energieproduktion.

Größe als Grundlage Mit dieser Größe sei eine gute Grundlage gelegt, um vor allem in dem schwierigen Milchmarkt-Umfeld wirtschaftlich arbeiten zu können, bestätigt Wissenschaftler Muskolus. "1.000 Kühe sollten es grundsätzlich schon sein." Muskolus kennt die Gesellschaft schon wegen der räumlichen Nachbarschaft gut: Er leitet die Forschungsstation, die die Humboldt-Universität ebenfalls im Havelland betreibt. "Im Westen ist es häufig mühevoll, eine rentable Flächengröße zusammenzubekommen", sagt er. Die DDR habe mit den LPG andere Grundlagen geschaffen, was auch im Osten keine Selbstverständlichkeit war: Auch in Polen etwa dominieren kleinbäuerliche Strukturen. Als weiterer Pluspunkt kommt hinzu, dass die Menschen auf Leitungs- und Bereichsleiterebene in der DDR gut ausgebildet waren und in der Regel Landwirtschaft studiert hatten.

Der Agrarstrukturerhebung 2016 zufolge bewirtschafteten etwa in Brandenburg gut 5.300 Betriebe insgesamt mehr als 1,3 Millionen Hektar Fläche, während in Bayern etwa 92.200 Betriebe knapp 3,2 Millionen Hektar Fläche umfassten. Die landwirtschaftliche Fläche je Betrieb in Brandenburg war demnach etwa sieben Mal so groß wie die in Bayern. In Sachsen-Anhalt verantwortete ein Betrieb den Angaben zufolge gar 266,7 Hektar, in Mecklenburg-Vorpommern 286,4 Hektar. Durch die Größenvorteile können Geräte besser ausgenutzt werden, technologische Innovationen und Methoden lohnen sich schneller, Direktzahlungen der EU (siehe Text Seite 4) hängen davon ab. Investitionen fallen häufig auch leichter, weil Großbetriebe mit viel Bestandsmasse und verschiedenen Produktionszweigen in der Regel leichter an Kredite kommen als einseitig ausgerichtete Familien- und Kleinbetriebe. Gleichzeitig verweist Rhinmilch-Geschäftsführer Riestock auf die Hürden, die größere Betriebe zu meistern haben, etwa beim Arbeits- oder Steuerrecht. Und er merkt an, dass Größe allein noch kein Erfolgkriterium sei - es komme auch auf die Qualität der Böden und die geographische Lage an.

Kaum Wiedereinrichter Viele der ehemaligen LPG sind heute als Genossenschaften oder Gesellschaften organisiert. Zum Teil stehen ihnen die gleichen Leiter vor wie vor der Wende - auch Rhinmilch-Chef Riestock etwa war bereits vor 1989 in führender Position in der LPG im Havelland tätig. Die Größenzuschnitte blieben weitgehend erhalten. Zum einen wegen ihrer wirtschaftlichen Vorteile. Zum anderen wagten nur wenige so genannte Wiedereinrichter, ihr Land aus dem LPG-Verbund zu lösen und eigenständig zu bewirtschaften - selbst wenn ihnen der Grund und Boden wegen alter Eigentumsrechte zugestanden hätte und bei der Auszahlung nicht alles in der Wendezeit korrekt ablief. Die wirtschaftlichen Perspektiven schienen zu unsicher, es war die Zeit, in der das "Höfesterben" im Westen in aller Munde war. So konnten die LPG ihre Flächen bündeln. Absatzmärkte finden die Betriebe heute längst nicht mehr nur im Inland; so ist China zum begehrten Markt für Milchpulver geworden. Die Rhinmilch GmbH liefert ihre Milch komplett an eine Konzernmolkerei. Direktvermarktung spiele kaum eine Rolle, sagt Riestock. Wissenschaftler der Humboldt-Universität bekräftigen, dass sich eine direkte Vermarktung fast nur bei saisonalen, regionalen Spezialitäten wie Spargel lohne. Ansonsten sei es bei kleinen Lieferketten schwierig, Qualitäts- und Volumenschwankungen auszugleichen.

Generationenwechsel steht an Im Zuge des Führungswechsels - die ersten Nach-Wende-Chefs gehen in den Ruhestand oder nähern sich ihm zumindest an - sind einige LPG inzwischen von Investoren oder Landwirten von außerhalb, zum Teil gar aus dem Ausland, gekauft worden. "Das kommt vor, ist aber nicht die Regel", sagt der Referent für Agrarpolitik beim Landesbauernverband Brandenburg, Ulrich Böhm. Die Nachfolgeregelung könne in Großbetrieben durchaus zum Problem werden, sagt er. Insofern sei nichts gegen externe Käufer zu sagen, solange diese bereit sind, sich in der Region zu verankern, dort zu leben und zu arbeiten. Fälle externer Käufer sind ebenfalls aus anderen Ost-Bundesländern, zum Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern, bekannt.

Nicht zuletzt leitet der mittlerweile 67 Jahre alte Riestock die Rhinmilch GmbH nicht nur deswegen noch, weil ihm seine Tätigkeit nach wie vor Freude bereitet - es gibt auch bisher keinen Nachfolger. Und während das Studienfach Agrarwissenschaften bundesweit regen Zulauf verzeichnet, erschweren bei der generellen Personalsuche Arbeitsbedingungen und die besseren Verdienstmöglichkeiten in anderen Branchen ein Decken des Bedarfs. Das Problem sei häufig nicht mehr die Schwere der körperlichen Arbeit, sondern die Intensität durch lange Zeiten im Schichtbetrieb, erklärt Muskolus: "Wir haben an der Forschungsstation immer wieder Bewerber mit Anfang 30, die sagen, sie schaffen die Arbeit auf einem großen Hof körperlich nicht mehr."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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