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Emissionen
Malte Kreutzfeldt
Lachgas schlimmer als CO2

Bauern sind Opfer und Täter des Klimawandels. Zugleich tragen Forst und Wiesen zum Klimaschutz bei

Beim aktuellen Streit um die Klimapolitik einer möglichen Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen stehen die Stromversorgung und der Verkehr im Mittelpunkt. Doch viel Konfliktpotential bietet auch die Landwirtschaft. Einerseits leiden die Bauern unter dem Klimawandel: So können Extremwetterereignisse wie Dürre oder Starkregen, die aufgrund der Erderwärmung häufiger oder heftiger ausfallen, die Ernten verringern. Oder neue Schadinsekten breiten sich aus, etwa die Kirschessigfliege, die aufgrund milderer Temperaturen seit einigen Jahren auch in Deutschland vorkommt. "Beim Klimagipfel sollte nicht vergessen werden, dass es die Bauern sind, die mit den Folgen des Klimawandels umgehen und für unsere Ernährung sorgen müssen", mahnte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Bernhard Krüsken, Anfang November zum Auftakt der UN-Klimakonferenz.

Doch die Bauern sind nicht nur Opfer des Klimawandels, sondern auch Täter: Die Landwirtschaft ist für 7,4 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Besonders bedenklich ist, dass der Wert in den vergangenen 25 Jahren nicht gesunken, sondern sogar gestiegen ist. Wie die Statistik das Umweltbundesamts (UBA) zeigt, liegen die absoluten Emissionen aus Land- und Forstwirtschaft heute auf dem Niveau von 1994. Doch weil der Gesamtausstoß seitdem gesunken ist, hat sich der Anteil aus dem Agrarsektor um 1,5 Prozentpunkte erhöht. Werden Düngerproduktion und Import von Futter eingerechnet, liegt der Anteil der Landwirtschaft an den deutschen Treibhausgasen sogar bei zwölf Prozent.

Methan und Lachgas Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Emissionen stammt aus der Tierhaltung - vor allem von Kühen: In deren Mägen entsteht bei der Verdauung das besonders klimaschädliche Gas Methan. Es gelangt zum Großteil direkt in die Umwelt, zum kleineren Teil wird es freigesetzt, wenn Gülle und Mist aus der Rinderhaltung als Dünger auf die Felder gebracht werden. In geringem Maße sind auch Schweine über ihre Ausscheidungen an den Methan-Emissionen beteiligt, andere Tiere spielen laut UBA keine Rolle.

Die zweite wichtige Quelle von Treibhausgasen aus der Landwirtschaft ist Kunstdünger. Mineralische Stickstoffdünger und Harnstoffdünger sollen das Wachstum der Pflanzen fördern. Doch weil die auf den Feldern ausgebrachte Menge meist sehr viel größer ist als der tatsächliche Bedarf der Pflanzen, wird der überflüssige Stickstoff als Lachgas freigesetzt. Dieses Gas beeinflusst das Klima 300 Mal so stark wie Kohlendioxid.

Dritte wichtige Quelle sind so genannte Landnutzungsänderungen: Etwa wenn Grünland umgebrochen wird, indem Wiesen in Ackerland umgewandelt werden. Das CO2, das zuvor im Humusboden gespeichert war, wird dann freigesetzt. Ebenso setzt die Trockenlegung von Mooren große Mengen an Treibhausgasen frei.

Klimaschutzplan 2050 Anders als etwa bei der Stromproduktion, wo Deutschland eine vollständige Dekarbonisierung plant, lassen sich Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft nach Ansicht vieler Experten nicht vollständig verhindern, sondern nur reduzieren. Auch im Klimaschutzplan 2050, auf den sich die Große Koalition im Jahr 2016 nach langem politischen Ringen geeinigt hat, heißt es: "Auf Grund biologischer Prozesse im Pflanzenbau und in der Tierhaltung ist eine Minderung auf null Emissionen wie in anderen Sektoren nicht möglich."

Als wichtigste Maßnahme für eine klimaverträgliche Landwirtschaft nennt der Klimaschutzplan die Reduzierung von Stickstoff-Dünger. Das soll zum einen durch "Effizienzsteigerungen bei der Düngung" in der konventionellen Landwirtschaft erreicht werden. Zum anderen soll die ökologische Landwirtschaft ausgeweitet werden. Denn diese verzichtet auf Kunstdünger und begrenzt die Tierhaltung. Von zuletzt gut sechs Prozent soll der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche "in absehbarer Zeit" auf 20 Prozent gesteigert werden - einen genauen Termin nennt der Klimaschutzplan nicht.

Bei den Emissionen aus der Tierhaltung will die Bundesregierung erforschen, inwieweit diese durch eine veränderte Fütterung reduziert werden können. Zudem sollen Gülle und Mist künftig weniger als Dünger auf den Feldern eingesetzt werden, sondern verstärkt zur Erzeugung von Biogas genutzt werden.

Das effektivste Mittel für geringere Emissionen aus der Tierhaltung - eine Reduzierung der Tierbestände - sucht man im deutschen Klimaschutzplan hingegen vergeblich. Nach massiven Protesten des Deutschen Bauernverbands waren entsprechende Passagen gestrichen worden. Umweltverbände halten einen Rückgang bei der Tierhaltung hingegen für essentiell, um eine klimafreundlichere Landwirtschaft zu erreichen. Ein breites Bündnis von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen forderte im vergangenen Jahr, bis 2050 eine "Halbierung des Tierbestands" in Deutschland zu erreichen - verbunden mit einer "Halbierung des Konsums tierischer Produkte". Bis 2020 soll demnach der stark gestiegene Exportüberschuss bei Milch- und Fleischprodukten abgebaut werden. Das lehnt der Deutsche Bauernverband ab. Das Argument: Klimaschutz dürfe nicht zur "Verlagerung von Agrarproduktion ins Ausland führen".

Mehr Einigkeit besteht bei anderen Vorschlägen, wie Land- und Forstwirtschaft zum Klimaschutz beitragen sollen: So fordern sowohl die Bundesregierung als auch die Umweltverbände, klimafreundliches Grünland zu erhalten und Moorböden zu schützen. Auch der Bauernverband betont die Bedeutung von Grünland für den Klimaschutz - verweist aber darauf, dass der Erhalt an die Beweidung durch Kühe gebunden ist.

Auch Wälder binden in Holz und Boden viel Kohlendioxid - und dienen damit dem Klimaschutz. Die Bundesregierung strebt darum eine "Ausweitung der Waldfläche in Deutschland" an; sie solle möglichst "nachhaltig und naturnah bewirtschaftet werden", heißt es im Klimaschutzplan 2050. Bei den Umweltverbänden, die für mindestens zehn Prozent der Waldfläche eine naturnahe Entwicklung fordern, stößt das auf Zustimmung. Der Deutsche Forstwirtschaftsverband lehnt dagegen den Verzicht auf die Bewirtschaftung ab - und argumentiert mit der positiven Klimawirkung von Holz als Material und Energielieferant.

Biokraftstoffe Auch die Landwirtschaft nimmt für sich in Anspruch, durch den Anbau von Energiepflanzen, etwa Mais oder Raps, zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. "Ohne Biokraftstoffe hätten die Emissionen durch den Verkehr im Jahr 2016 um 7,3 Millionen Tonnen CO2 höher gelegen", sagte Bauernverbands-Generalsekretär Krüsken.

Hier kommt allerdings Widerspruch vom Umweltbundesamt: "Aufgrund des enormen Flächenbedarfs kann die Anbaubiomasse auch künftig rein rechnerisch nur sehr gering zur Energieversorgung beitragen", schreibt das UBA. Pro Flächeneinheit sei die Stromerzeugung aus Wind und Sonne zudem sehr viel effizienter als der Anbau von Energiepflanzen. Für sinnvoll halten die UBA-Experten hingegen die energetische Nutzung von Abfallstoffen aus der Land- und Forstwirtschaft.

Welche Rolle die Landwirtschaft für den Klimaschutz unter einer künftigen Regierung spielen wird, ist derweil noch nicht abzusehen. Im ersten Sondierungspapier von Union, FDP und Grünen zum Thema heißt es sehr allgemein, die Landwirtschaft solle "Klima-, Boden und Gewässerschutz und auch eine vielfältige Flora und Fauna gewährleisten". Malte Kreutzfeldt

Der Autor ist Redakteur für Wirtschaft und Umwelt bei der tageszeitung in Berlin.

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