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Artensterben
eb/dpa
Alarmierender Insektenschwund

Studie dokumentiert einen massiven Rückgang

"Ökologisches Armageddon", "Bedrohung unserer Lebensgrundlagen", "Zusammenbrechen von Ökosystemen" - die Sorge über das große Insektensterben erhitzt die Gemüter. Auslöser der aktuellen Diskussion ist eine im Oktober erschienene Studie, die einen massiven Rückgang der Fluginsekten in Deutschland dokumentiert: Seit 1989 nahm deren Gesamtmasse um mehr als drei Viertel ab, berichteten Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden im Fachmagazin "Plos ons".

Caspar Hallmann von der Radboud University im niederländischen Nijmegen und seine Mitarbeiter werteten Daten aus, die seit 1989 vom Entomologischen Verein Krefeld gesammelt worden waren. Die ehrenamtlichen Insektenkundler des Vereins hatten in insgesamt 63 Naturschutzgebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und in Brandenburg sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt. Die meisten Standorte wurden in einem Jahr des Studienzeitraums untersucht, einige in zwei, drei oder vier Jahren. Für die Analyse bestimmten die Entomologen jeweils die Gesamtmasse gefangener Insekten. Dann verglichen die Forscher, wie sich in einzelnen Lebensräumen - etwa in Heidelandschaften, Graslandschaften oder auf Brachflächen - die Biomasse über die Zeit verändert hatte.

Die Auswertung zeigte, dass in den vergangenen 27 Jahre die jährliche Gesamtmasse im Mittel um 76 Prozent abgenommen hat. "Ein Schwund wurde bereits lange vermutet, aber er ist noch größer als bisher angenommen" sagte Hallmann.

Nicht an der Studie beteiligte Experten sprechen von einer überzeugenden Arbeit, die bisherige Hinweise auf ein massives Insektensterben auf eine solide Basis stelle. Die Publikation liefere den Beleg, dass der Rückgang nicht nur einzelne Standorte betrifft, sondern "wirklich ein größerflächiges Problem" ist, sagt etwa Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Der alarmierende Befund wirft die Frage nach der Ursache des Insektenschwundes auf. Eine eindeutige Erklärung gibt die Analyse der Wissenschaftler nicht. Weder klimatische Veränderungen noch Veränderungen der Biotopmerkmale der Standorte könnten den Rückgang erklären, kommen sie zum Schluss. Mangels belastbarer Daten sei es nicht möglich, den Einfluss der intensivierten Landwirtschaft zu benennen. In der Ergebnisdiskussion weisen die Autoren aber darauf hin, dass Pestizide, Düngemittel und die ganzjährige Bewirtschaftung der Felder die Abnahme der Insekten in den Naturschutzgebieten "vermutlich massiv verschärft habe". Fast alle Untersuchungsgebiete waren von Agrarflächen umgeben. Es sei denkbar, dass Insekten in den Schutzgebieten zunächst gediehen, sie dann aber auf den angrenzenden Ackerflächen verschwänden, heißt es.

Die Intensivierung der Landwirtschaft sei eine plausible Ursache für den Rückgang, argumentiert Teja Tscharntke, Agrarökologe an der Universität Göttingen. Zu den Faktoren gehörten unter anderem große Felder, nur wenige schmale Feldränder und wenige Hecken und Gehölze. Auch Umweltschutzorganisationen reagierten weniger zurückhaltend und forderten einen Kurswechsel in der Agrarpolitik.

Der Deutsche Bauernverband wehrt sich gegen die Kritik. Die Studie werfe mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gebe. "In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft", sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. Die Studie bestätige, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zu Umfang und Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gebe.

Was immer die Gründe sind, der Insektenschwund hat laut Autoren einen verheerenderen Effekt als bisher erkannt. Er wirke sich kaskadenartig auf andere Lebewesen aus und habe weitreichende Folgen für die Ökosysteme insgesamt. Das meint auch Alexandra-Maria Klein, Landschaftsökologin aus Freiburg. Weitere Langzeitdaten seien nötig, aber wir sollten "nicht auf diese Ergebnisse warten, bis wir unsere Landnutzung ändern", sagt sie. "Dies könnte für einige Insekten zu spät sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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