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ENTWICKLUNG
Christiane Gothe
Ernährung von morgen

Auf der Suche nach neuen Eiweißquellen geraten Insekten, Würmer und Algen in den Blick. Robotik spielt eine zunehmend größere Rolle in der Landwirtschaft

Ernährungstrends unterliegen globalen Einflüssen. Während mit steigendem Wohlstand in weiten Teilen Asiens die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten anzieht, befassen sich hierzulande einige Vorreiter mit der Erschließung für uns neuer Eiweißquellen. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen wird die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten weiter anwachsen. Landwirtschaftliche Fläche zu deren Versorgung wird aber nicht im gleichen Maße nutzbar gemacht werden können. Ertragssteigerungen sind in der Regel nur mit erhöhtem Einsatz von Ressourcen wie Dünger und Pflanzenschutz möglich. Nahrungsmittel tierischen Ursprungs - vor allem von Rind und Schwein - werden zunehmend kritisch beurteilt, da Tierhaltung mit erheblichem Wasser- und Futterverbrauch verbunden ist. Auch ethische Bedenken führen bei Jüngeren zunehmend dazu, auf Fleisch und andere Produkte tierischer Herkunft zu verzichten.

Hersteller von Wurst- und Fleischwaren reagieren darauf bereits. So bietet das Unternehmen Rügenwalder Mühle, das durch seine Wurstwaren bekannt und groß geworden ist, seit einigen Jahren vegetarische Wurstprodukte und sogenanntes Convenience Food in diesem Bereich an. Vom Erfolg war die Unternehmensleitung selbst überrascht und investiert seitdem konsequent in dieser Richtung und baut die vegetarische Produktpalette aus.

Wer Fleisch nicht durch pflanzliche Produkte ersetzen möchte, für den sind möglicherweise Würmer und Insekten als eine neue Proteinquelle interessant. Was in anderen Ländern zum Alltag gehört, ist in unseren Breiten noch wenig vorstellbar. Ein Osnabrücker Start-up will das ändern und bietet zum Beispiel Würmer-Burger an. Es strebt an, diese flächendeckend in Deutschland zu vertreiben. Über 2.000 essbare Insekten soll es geben und viele davon sollen schmackhaft sein. Ernährungsphysiologisch sind sie dem Fleisch laut Ernährungswissenschaftlern sogar überlegen, weil sie weniger gesättigte Fettsäuren aufweisen. Für einige gelten daher schon Insekten und Würmer als Nahrungsmittel der Zukunft. Ihre Produktion ist kostengünstig, ressourcenschonend und auf kleinem Raum möglich.

Urbane Landwirtschaft Diese Eigenschaften machen die kleinen Krabbeltiere auch für einen weiteren Trend interessant - Urbane Landwirtschaft beziehungsweise Urban Agriculture. Dies ist ein Oberbegriff für verschiedene Weisen der primären Lebensmittelproduktion in städtischen Ballungsgebieten und deren unmittelbarer Umgebung in der Regel für den Eigenbedarf der jeweiligen Region. Auch das Urban Gardening fällt darunter. Dazu zählen Kleingärten in Siedlungen, die an Wohnhäuser angrenzen oder zu ihnen gehören und die mit Nutzpflanzen bebaut werden. Ebenso fallen darunter Balkonbepflanzungen, die den Bewohnern Gemüse und Kräuter liefern. Wie geeignet so mancher Standort für eine gesunde Lebensmittelproduktion ist, sei dahingestellt.

Eine andere Form der urbanen Landwirtschaft ist die sogenannte vertikale Landwirtschaft. Die Erzeugung von Lebensmitteln wird hierbei in der Stadt in mehrstöckigen Gebäuden erfolgen können. In diesen Gebäuden können gleichzeitig Pflanzen angebaut und Tiere gehalten werden. Sogar Aquakultur ist in solchen Gebäuden möglich. Innerhalb der Gebäude soll, soweit es geht, eine Kreislaufwirtschaft erreicht werden, sodass ein Beitrag zum Umweltschutz geleistet werden kann. Laut einer Studie der Columbia University würden 150 vertikale Farmen ausreichen, um New York City mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Es gibt auch Ansätze die Fleischproduktion von der Tierhaltung zu entkoppeln, indem Gewebezellen In-Vitro im Labor vermehrt werden. Erste Ergebnisse dieses Kunstfleisches wurden bereits vor einigen Jahren in Form von Hamburger der Öffentlichkeit vorgestellt. Das sogenannte Fleisch wurde mithilfe von Stammzellen aus dem Muskelgewebe einer Kuh gezüchtet. Befürworter sehen darin eine umweltfreundliche Alternative zur bisherigen Fleischproduktion, da sie im Vergleich zur Tierhaltung ressourcenschonender auskommt. Allerdings bedarf es noch viel Forschung, um das zu bestätigen. Argumentiert wird zudem, dass diese Methode der Gesundheit förderlich sein könnte. Schließlich ließen sich Fett- und Eiweißgehalt regulieren oder das Fleisch beziehungsweise die Gewebeklumpen mit Vitaminen und Mineralien anreichern.

Auch andere herkömmliche Methoden der Lebensmittelgewinnung könnten künftig verstärkt in die Städte kommen. Zum Beispiel ist die Erzeugung von Honig auch in Städten möglich (siehe auch Seite 12).

Im Raum Frankfurt am Main hat sich eine junge Imkerin in diesem Bereich etabliert und in kurzer Zeit ein florierendes Unternehmen aufgebaut. Sie platziert auf Wunsch Bienenstöcke auf den Dächern von Hotels und anderen großen Gebäuden. Auf diese Weise produziert sogar die Landwirtschaftliche Rentenbank eigenen Honig. Die Bienen suchen sich ihre Nahrung in den umliegenden städtischen Grünanlagen, Gärten oder auf Balkonen. Der Honig aus dieser Vielzahl von Pflanzen wird von Feinschmecker besonders geschätzt. Die Bienen erfüllen außerdem gleichzeitig wichtige Bestäubungsfunktionen in der Stadt.

Mikroalgen Als eine Schlüsseltechnologie gilt schon heute die Mikroalgenbiotechnologie. In erster Linie wird ihr Einsatz für die Verwendung von Biodiesel erforscht. Schon erste Flugzeuge sind mit Sprit aus Mikroalgen geflogen. Zur Gewinnung der Energie werden offene, großflächige Algenteiche angelegt. In einem anderen Verfahren werden die Mikroalgen in einem kilometerlangen geschlossenen Röhrensystem kultiviert, da sie CO2 und Sonnenlicht benötigen.

Mikroalgen sind jedoch gleichzeitig ein hochwertiges Futtermittel für Tiere oder eben auch Lebensmittel für uns. Sie liefern wertvolles Eiweiß, mehr ungesättigte Fettsäuren und hohe Carotin- und Vitamingehalte. Die Algen verfügen je nach Art über ein breites Spektrum an hochwertigen Inhaltsstoffen und können vielfältige Anwendungen finden. Gerade auch vor dem Hintergrund des wachsenden Flächenverbrauchs in unserem Teil der Erde ist eine Zahl interessant. Mit Algen können auf einem Hektar Fläche pro Jahr 300 Tonnen Biomasse erzeugt werden. Im Vergleich: Beim Mais sind es auf guten Standorten vielleicht 50 Tonnen.

In der Landwirtschaft, wie wir sie kennen, werden in Zukunft vor allem die Arbeitsprozesse weiter optimiert werden, Automatisierung und Robotik in allen Bereichen eine immer größere Rolle einnehmen. In der Tierhaltung kann schon heute individuell gefüttert werden. Kranke Tiere können von Systemen erkannt und automatisch in Krankenboxen sortiert werden. Daten zur Produktion und zum Verhalten werden verarbeitet und können von den Landwirt jederzeit abgerufen werden (siehte Text unten).

Auf dem Acker und in den Sonderkulturen werden Roboter zu wichtigen Helfern. Im Weinbau schneiden sie mittels Kameras und beweglichen Armen täglich bis zu 600 Reben zurück und sammeln auch hier gleichzeitig wichtige Pflanzendaten. Auch für die Ernte von Salaten, Spargel oder Heidelbeeren gibt es schon Prototypen.

Präzision Weiter zunehmen wird die Präzisions-Landwirtschaft. Mit ihrer Hilfe und automatischer Lenksysteme fahren Traktoren auf zwei Zentimeter genau über das Feld. Bei der Ernte werden die Erträge kleinräumig erfasst, sodass im nächsten Jahr eine gezieltere Saat und Düngung möglich ist. Insgesamt wird sich der Landwirt in Zukunft mehr auf das Programmieren und Überwachen der Technik und ihrer Schnittstellen kümmern müssen als um die Verrichtung der anfallenden Arbeiten. Die Ausrichtung auf die hohe Technisierung werden sich jedoch eher landwirtschaftliche Großbetriebe leisten können oder gar solche, an denen Investoren beteiligt sind.

Die Autorin ist freie Fachjournalistin.

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