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Jürgen Liminski
Bildung ist kein Staatsmonopol

Private Einrichtungen erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Starkes Engagement der Kirchen

Es gibt in deutschen Landen seit mehr als 400 Jahren Schulpflicht, je nach Herzog-oder Fürstentümern früher oder später, eine allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland allerdings erst seit der Weimarer Verfassung von 1919. Aber der Staat hat deshalb noch kein Monopol.,Bildungseinrichtungen in kirchlicher oder freier Trägerschaft haben sich gehalten und blicken auf eine Tradition bis ins Mittelalter zurück.

Schutz durch das Grundgesetz Auch heute blühen diese privaten Bildungsstätten, abgestützt durch die Verfassung. Artikel 7 Absatz 4 des Grundgesetzes bestimmt: "Das Recht zur Errichtung von Privatschulen wird gewährleistet". Bildung aber kostet. Damit dieses Recht auf Privatschulen auch in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann, hat sich der Staat verpflichtet, Privatschulen zu subventionieren und diese Verpflichtung hat das Bundesverfassungsgericht in einer Entscheidung eigens bekräftigt (BVerfGe 75,40,61ff.). Privatschulen sind de facto staatlich subventionierte Schulen, wobei Höhe, Form und Kriterien der Subvention ja nach Bundesland variieren Schließlich muss die Kulturhoheit der Länder ja auch zu ihrem Recht kommen.

Die staatliche Verpflichtung ist keine Einbahnstraße für Privilegien, sie enthält auch Auflagen für die Subventionsempfänger. Privatschulen unterliegen den allgemeinen Regeln der Ausbildung für die Lehrer, haben Curriculae zu erfüllen, Lehrziele zu erreichen, Prüfungen abzuhalten, Zeugnisse zu erteilen. Kurzum, sie erfüllen die Schulpflicht, sie sind Ersatzschulen. Als solche sind sie zu unterscheiden von Ergänzungsschulen, die keine Subventionen erhalten und deshalb auch nicht den staatlichen Bedingungen unterliegen. Diese Ergänzungsschulen sind teuer, die Ersatzschulen erschwinglich - von Internaten abgesehen. Allerdings fallen bei den Ersatzschulen kleinere Kosten an, die oft von einem Freundeskreis, also de facto von Eltern freiwillig getragen werden. Die Ergänzungsschulen begrenzen sich auf bestimmte Fächer (Sprachen etwa) oder bereiten ihre Schüler auf Prüfungen an staatlichen Bildungseinrichtungen vor, die dann die entsprechenden Zeugnisse ausgeben. Es handelt sich sozusagen um strukturierte Nachhilfe.

Privatschulen erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Zahl der Schüler aller Altersklassen und Schultypen hat sich in den letzten zwanzig Jahren glatt auf rund 750.000 verdoppelt. Vor allem die Zahl der Grundschulen hat sich auf fast 1.000 verdreifacht. Jeder zwölfte Schüler (8,8 Prozent aller Schüler) geht heute auf eine Privatschule, bei den Gymnasialschülern und -schülerinnen sind es 11,8 Prozent, gut die Hälfte davon besuchen katholische Schulen, zehn Prozent evangelische, ebenfalls zehn Prozent freie Waldorfschulen und die anderen gehen auf Schulen im Bundesverband Deutscher Privatschulen.

Sehr beliebt Aufgrund dieser Beliebtheit, die auch von Land zu Land variiert (in NRW und im Saarland liegt der Anteil der Privatschüler in Gymnasien weit überdurchschnittlich bei 18 Prozent) haben Privatschulen mit zwei Vorurteilen zu kämpfen. Das erste: Sie sind elitär und führen zu besseren Leistungsnoten. Das mag in Einzelfällen, besonders bei Internaten, auch stimmen. In ihrer Gesamtheit stimmt es nicht, jedenfalls nicht für Deutschland, auch wenn manche internationale Studien, etwa PISA, das nahelegen wollen. Der genauere Blick von renommierten Bildungsforschern und Experten wie Manfred Weiß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main auf die Vergleichsmethoden und Erhebungen kommt zu dem Ergebnis: Die in der Öffentlichkeit verbreitete These einer generellen und bedeutsamen Leistungsüberlegenheit privater Schulen findet keine Bestätigung. Es gibt keine signifikanten Leistungsunterschiede.

Das zweite Vorurteil: Privatschulen sind Bildungsinseln für die Kinder von Besserverdienenden und zementieren soziale Ungleichheiten. Auch das mag für manche Elite-Internate stimmen, da können die Kosten sich schon mal auf 1.000 bis 2.000 Euro pro Monat summieren. Für die normalen Ersatzschulen, vor allem jene in kirchlicher Trägerschaft, trifft es nicht zu. Hier fallen erträgliche Ausgaben, meist Sachkosten an für Schulbücher, Kopien, aber auch für Verpflegung und Hausaufgabenbetreuung. Die Kosten liegen monatlich zwischen 50 und 200 Euro, je nach Schule. Hinzu kommen hier und da Schulgeld und bei Montessori- und Waldorfschulen die Aufnahmegebühren (bis zu 1.500 Euro). Anders verhält es sich bei nicht subventionierten Ergänzungsschulen. Hier fallen monatliche Kosten in Form von Schulgeld in beträchtlicher und für viele Familien nicht erschwinglicher Höhe (bis 800 Euro oder das Doppelte bei Internaten) an.

Schüler aussuchen Der große Vorteil von Privatschulen ist vor allem das Privileg, dass diese Schulen sich ihre Schüler selbst aussuchen können. Bewerbungen werden eingehend geprüft und mindestens Anmeldungsgespräche geführt, um einzuschätzen, ob ein Kind zur Schule passt. Aber auch Eignungstests oder die Teilnahme an einem Probeunterricht werden bisweilen gefordert. Auf diese Weise kann man einen gewissen sozio-kulturellen Konsens steuern und ein "Wir-Gefühl" schaffen, was für die Zusammenarbeit der Schule mit den Eltern förderlich ist. Das erlaubt aber auch, die Elternschaft intensiver und erfolgversprechender an ihre Verantwortung zu erinnern, und zwar nicht nur in pädagogischer, sondern auch in finanzieller Hinsicht. Die Schule wiederum kann an ihre Pflichten über die staatlich vorgegebene Norm erinnert werden, zum Beispiel die Klassengröße nicht auszuschöpfen oder Unterrichtsausfall zu vermeiden.

Kleinere Klassen, bessere Betreuung, Hochbegabtengruppen und Förderklassen - der Wunsch, die Kinder an einer privaten Schule anzumelden, ist verständlich und vor allem in Nordrhein-Westfalen besonders ausgeprägt. Das ergab auch eine Studie des Verbandes Deutscher Privatschulen (VDP). Demnach würden 34,1 Prozent der Befragten aus NRW für ihre Kinder eine private Schule einer staatlichen vorziehen. Bundesweit waren es 30,5 Prozent.

Um sich das Schulgeld oder die Zusatzkosten leisten zu können, würden 38,5 Prozent der Befragten aus Nordrhein-Westfalen auch Bildungsgutscheine begrüßen. So könnten auch Geringverdiener ihre Kinder an Privatschulen anmelden. Man versteht das im Verband als eine Anregung für die künftige Bundesregierung, egal welcher Couleur.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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