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STUDIUM
Susanne Kailitz
Viele Klagen

Die »Bologna«-Reform stößt auf breite Kritik

Sebastian Reißig hat in den vergangenen Monaten viele Bewerbungsgespräche geführt. Für den Verein "Aktion Zivilcourage", der im sächsischen Pirna politische Bildungsarbeit an Schulen und mit Kommunen leistet, suchte er Verstärkung für das Beraterteam. Bei den Bewerbungen habe er weniger Wert auf Studienabschlüsse und Noten gelegt, sagt der 39-Jährige: "Mich interessiert vor allem, welche praktischen Erfahrungen die Leute haben und was sie schon gemacht haben, sei es studienbegleitend oder ehrenamtlich." Ob jemand einen Bachelor oder Master hat, sei für ihn nicht entscheidend. "Wenn einer als Zimmermann arbeiten will, reicht es nicht, dass er nur theoretisch weiß, wie die Sache mit dem Nagel funktioniert. Ähnlich ist es in unserem Bereich - den Umgang mit Menschen und die Vermittlung von Wissen lernt man nicht in der Vorlesung. Das muss man machen."

Dass häufig für den Job nicht entscheidend ist, in welchen Vorlesungen jemand war, weiß Reißig aus eigener Erfahrung. Nach dem Mittelschulabschluss machte er eine Maler- und Lackierer-Lehre, dann Fachabitur. Daneben gründete er die "Aktion Zivilcourage", deren Geschäftsführer er seit 2001 ist. Von 2008 bis 2015 studierte er berufsbegleitend Sozialmanagement - und sagt, dass dieser Bachelorabschluss ihm genau das gebracht habe, "was ich in meinem Job wissen muss". Irgendwann könne er sich vorstellen, noch einen Master zu machen, "dann würde ich vermutlich Betriebswirtschaftslehrer studieren, weil ich da ziemlich sicher noch Sachen lernen kann, die mir in der Arbeit weiterhelfen".

Mit dieser sehr klaren Berufsbezogenheit seines Studiums und der Abwägung, ob ein Master überhaupt noch sinnvoll sein könnte, ist Reißig die Ausnahme. Nach einer Umfrage des HIS Instituts für Hochschulforschung schließen drei von vier Universitäts-Absolventen und mehr als jeder zweite Fachhochschulabsolvent an ihren Bachelorabschluss nahezu nahtlos ein Masterstudium an. Zur Begründung heißt es, die Neu-Akademiker rechneten sich mit ihrem Bachelorabschluss keine ausreichenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus.

Nicht optimal So ging es auch Yvonne Bonfert. Die 30-Jährige ist seit 2016 Referentin bei der "Aktion Zivilcourage" und vermittelt in Workshops, wie Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Sie habe eigentlich immer gewusst, dass sie Projekte im Bereich der kulturellen und politischen Bildung betreuen wolle, sagt Bonfert. Aber nach dem Bachelor in Germanistik, Literatur und Kulturwissenschaft habe sie nicht das Gefühl gehabt, optimal auf den Job vorbereitet zu sein. Nach gerade einmal drei Jahren Studium "in einem Bereich, in dem die Jobs ja ohnehin nicht auf der Straße liegen", sei es für sie keine Frage gewesen, sofort ein Masterstudium anzuhängen. In dieser Zeit habe sie auch viele Praktika absolviert - in Museen, bei Festivals und verschiedenen Initiativen und Projekten.

Bonfert ist überzeugt, dass genau diese Mischung sie auf ihren Job gut vorbereitet hat. "Im Studium habe ich gelernt, mich immer wieder in neue Dinge einzugraben und dranzubleiben. Durch die praktische Arbeit wusste ich, wie man Veranstaltungen organisiert und gut kommuniziert - und genau das ist heute wichtig für die Dinge, die ich tue."

Genau das hatten Bildungspolitiker aus Europa eigentlich auch auf dem Schirm, als sie Ende der 1990er Jahre die sogenannte Bologna-Reform auf den Weg brachten. Zuvor hatte das Studium in Deutschland aus nur einer Phase bestanden: Zwar war auf das Grundstudium eine Prüfung gefolgt, einen wirklichen Abschluss aber gab es erst nach etwa neun Semestern mit Diplom, Magister oder Staatsexamen. Das Ende dieser Struktur wurde 1998 mit einer Erklärung der Bildungsminister von Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien "zur Harmonisierung der Architektur der europäischen Hochschulbildung" eingeläutet. Darin wurde ein zweistufiges System berufsqualifizierender Studienabschlüsse geplant; im Ausland erworbene Studienleistungen sollten einfacher anerkannt werden können.

Ein Jahr später wurde die "Bologna-Erklärung" unterzeichnet, die dieses Ziel konkretisierte. So sollte ein System aus Bachelor- und Masterabschlüssen zu leicht verständlichen und vergleichbaren Abschlüssen führen. Das Leistungspunktesystem "European Credit Transfer System (ECTS) sollte Studienleistungen vergleichbar machen und für eine leichtere Anerkennung von Prüfungs- und Testergebnissen sorgen, die im Ausland erworben wurden.

Hohe Erwartungen All das, so der Plan, würde die räumliche und kulturelle Mobilität zwischen Hochschulen und Bildungsgängen in ganz Europa fördern und den europäischen Hochschulraum attraktiver machen. In der Bundesrepublik Deutschland hegte man zudem die Hoffnung, mit dem neuen System die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren und überlange Studienzeiten einzudämmen - immer wieder war in den 1990er Jahren die Klage laut geworden, die deutschen Absolventen seien im internationalen Vergleich zu alt, ihre Hochschul-Ausbildung zu weit entfernt von den praktischen Bedürfnissen späterer Arbeitgeber.

Fast 20 Jahre nach dem Beginn dieses Reformprozesses ist zwar der allergrößte Teil der deutschen Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt. Glückseligkeit aber herrscht nicht. Hatten die Bildungspolitiker damals gedacht, der Bachelor werde sich als gut akzeptierter Abschluss etablieren und nur etwa ein Drittel der Studierenden daran einen Master anhängen, so mag sich die Mehrheit der Bachelorabsolventen nicht darauf verlassen, damit auch wirklich einen guten Job zu finden.

Nach wie vor hängt dem Bachelor der Ruf an, nicht mehr als ein Schmalspur-Abschluss zu sein - auch wenn die Studie "Karrierewege für Bachelorabsolventen", die im Jahr 2015 vom Institut der deutschen Wirtschaft und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausgegeben wurde, Absolventen mit Bachelorabschluss gute Berufschancen bescheinigte. So hieß es darin, ihnen stünden bei der Mehrheit der deutschen Unternehmen fast alle Bereiche offen und auch die Einstiegsgehälter orientierten sich deutlich weniger an der Art des Abschlusses als vielmehr an den Anforderungen der Position.

Unzufrieden Doch dieser Befund steht in krassem Gegensatz zu den Klagen etwa des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Der veröffentlichte ebenfalls 2015 eine Studie, wonach die Wirtschaft mit der Qualität der Bachelor-Absolventen zunehmend unzufrieden ist. Die nämlich seien mehrheitlich nicht gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Man leide an einer "Überakademisierung"; vor allem Firmen der Tourismuswirtschaft und Service-Betriebe seien von den praktischen Fähigkeiten der Bachelor-Absolventen enttäuscht.

Und auch in den Unis ist man mit der neuen Struktur noch immer nicht warm geworden. So beklagen viele wie der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, im neuen System fehle die "Persönlichkeitsbildung". Die Absolventen seien nach nur drei Jahren im Hörsaal zu jung und unerfahren, heißt es von vielen, und nicht richtig auf die Arbeitswelt vorbereitet. Hier aber liegt auch eine grundsätzliche Crux: Nach wie vor soll ein Studium nicht nur auf einen konkreten Job, sondern auch auf eine Tätigkeit in Wissenschaft und Forschung vorbereiten. Und wer jüngere Absolventen will, muss damit leben, dass ihnen Lebenserfahrung fehlt.

Die Studenten selbst klagen über eine extreme Verschulung des Studiums, zu große Anforderungen und eine hohe Prüfungsbelastung. Denn anders als im alten Diplom- und Magistersystem werden seit der Bologna-Reform häufig einzelne Lehrveranstaltungen mit Prüfungen abgeschlossen, sodass die Zahl studienbegleitender Test immens zugenommen hat. Dies führte 2009/10 zu massiven Protesten der Studentenschaft, in deren Folge viele Wissenschaftsminister und Hochschulen für eine geringere Prüfungsbelastung plädierten.

Auch nicht wirklich erfüllt hat sich die Hoffnung, es werde mit Bologna deutlich einfacher, im Ausland zu studieren - nach wie vor ist die Anerkennung von Studienleistungen im Ausland schwierig. Zudem hat sich der straffe Zeitplan von sechs Semestern für ein Bachelor-Studium nicht wirklich als mobilitätsfördernd erwiesen.

Der Bologna-Prozess sei "krachend gescheitert", attestierten daher vergangenes Jahr rund 1.000 Wissenschaftler in einer Erhebung im Auftrag des Deutschen Hochschulverbands: Rund drei Viertel der befragten Professoren sagten, die Neuerungen hätten mehr Bürokratie gebracht und die Lehre unflexibler gemacht; 62 Prozent erklärten, die Studenten könnten "kein selbständiges Denken" ausbilden. Nicht alles an dieser Kritik lässt sich mit Blick auf den Arbeitsmarkt belegen: Einen guten Ruf aber hat die Bologna-Reform auch nach all den Jahren nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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